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Christoph Boschan: Der die Welt nach Wien brachte

Talks von Christoph Boschan mit boersenradio.at und Magazine als Coverstory-Remix. Von Performance, Volumen, global market, RHI, Bawag & Buwog bis hin zu Gebühren. Der Börse-Chef sieht eine einmalige Kombination aus Marktumfeld, politischem Momentum sowie der sich drehenden öffentlichen Meinung. Lesen Sie, was 2018 Priorität haben wird. 

boersenradio.at: Ein erfolgreiches Börsenjahr ist zu Ende gegangen. Bei den großen Börsen sowieso, an der Wall Street, DAX, aber auch der ATX lief genial. Was ist denn die ATX-Bilanz 2017? Ich meine Umsatz, Performance und die besten Aktien?

Boschan: Herr Heinrich, da erwischen Sie mich ja fast kalt. Ich hoffe, ich referiere es richtig. Wir haben – ohne jetzt da zu ungenau zu sein – wir haben einen Zuwachs im ATX von mehr als 30 Prozent, das wird sogar noch etwas mehr, wenn man die Dividenden miteinrechnet, dann sind wir um die 34 bis zu 35 Prozent, waren ja durchaus auch etwas höher in diesem Jahr schon. Aber das Entscheidende ist ja, wenn man eine Jahresbilanz zieht, dass wir im Vergleich zu den anderen entwickelten Kapitalmärkten ungefähr das Doppelte schafften. Gleichzeitig haben wir - natürlich auch durch die Kurse getrieben - einen neuen Umsatzrekord, was das Volumen an der Börse angeht, verglichen mit den letzten Jahren, wir haben das Handelsvolumen mit 20 Prozent im Plus. Naja, und für uns als Unternehmen eigentlich viel entscheidender ist die Zahl der Einzelabschlüsse, bei denen wir also auch ein neues Rekordjahr verzeichnen können. Wir werden wahrscheinlich mehr als 9 Mio. Einzelabschlüsse an der Wiener Börse sehen. Das sind so viele Einzelabschlüsse an dieser Nationalbörse wie noch niemals zuvor.

Die Wiener Börse ist ja nicht alleine der ATX, da ist ja auch ganz viel anderes passiert. Die Wiener Börse im Wandel 2017 – ja , und das ist ja Ihnen und Ihrem Team geschuldet. Wir von boersenradio.at haben Sie auch 2017 medial begleitet. One-Stop-Shop-Ideen, neue Indizes, DAX-Werte, US-Werte, Europa zu handeln, ETFs, ADRs … was war denn für Sie die wichtigste, strategische Entscheidung 2017, also auch umsatz- bzw. handelstechnisch?

Sie haben’s schon gut runterreferiert. Hinter all den von Ihnen genannten neuen Handelsinstrumenten steht ja grundsätzlich erst mal unsere durchaus auch strategische Idee, dieser Börse eine neue Fähigkeit zu verschaffen und diese Fähigkeit ist auch andere Handelsgegenstände als jetzt die nationalen österreichischen – wo diese Börse eine fantastische Wettbewerbsposition hat und immer hatte und in Zukunft noch eine bessere haben wird - zu geben. Also diese Fähigkeit überhaupt zu entwickeln, als österreichische Börse dem österreichischen Anleger auch internationale Instrumente, die eigentlich hauptsächlich an anderen Börsen gehandelt werden, hier in den Heimatmarkt zu integrieren. Das ist eine Infrastrukturaufgabe, da sind viele dran beteiligt, nicht nur wir, sondern auch die OeKB als Zentralverwahrer. Weiters CCP - also die Clearing Counter Party, eine Kooperation übrigens mit der Wiener Börse und der OeKB; und da ist viel Technik zu bauen, etliche Leitungen zu legen, viel Infrastruktur zu errichten und das geht also sozusagen im Hintergrund um die allgemeine Entwicklung für die Fertigkeit für eine Börse -  da waren wir, glaube ich, einigermaßen erfolgreich. Wir haben letztendlich fast alle liquiden europäischen Aktien jetzt hier in den Handel inte­griert, sind damals ja mit den Deutschen und den US-Amerikanern gestartet, haben das dann quer über Europa ausgewählt und ich will nicht unterschlagen, dass wir vor wenigen Tagen übrigens russische Aktien live gebracht haben. Also auch die sind jetzt hier über Wien handelbar und soweit ich  mich an den ersten Tag richtig erinnere, haben wir auch sofort die ersten Lukoil- und Gazprom-Trades gesehen an unserer Börse. Das alles folgt einer noch viel größeren Idee und dafür hatte ich mal den Leitsatz ausgerufen: Wir wollen die Welt nach Österreich bringen. Das ist genau das, nämlich den Österreichern die internationalen Investment-Chancen zugänglich zu machen und daran orientieren wir uns wie üblich an den zwei Dingen: Das eine ist, was der Anleger möchte, durchaus auch im engen Dialog dann mit dem österreichischen Markt. Und das andere sind, wie im Fall der ETFs, internationale Investment-Trends, an denen man sich besser beteiligt. Naja, und das Ganze wird dann flankiert durch unseren zweiten Leitsatz im Rahmen der Strategie-Entwicklung: Österreich für die Welt nämlich, die österreichischen Unternehmen auf der Weltbühne maximal sichtbar zu machen und ihnen hier an der Wiener Börse den liquidisten Handel zu organisieren.

Wird der One-Stop-Shop gut angenommen?

Ja, also durchaus. Wir haben mit dem global market, natürlich ausgehend vom niedrigen Niveau, das ist immer so, wenn man ein Marktsegment startet, Wachstumsraten von 100 Prozent im Monat gesehen. Wir sind ja erst seit einem halben Jahr dabei mit diesem Segment und können aber trotzdem auf Spitzenvolumina von bis zu 16-17 Mio. am Tag zurückblicken. So im Durchschnitt hat sich das bei fünf bis acht Mio. am Tag eingependelt mit allerdings nach wie vor steigender Tendenz und deswegen bestätigt uns das sehr, dass wir da auf dem richtigen Weg sind. Ich kann Ihnen ganz persönlich sagen, ich mache das Geschäft ja nicht seit gestern, sondern durfte auch an der einen oder anderen Börse arbeiten und was den Aufbau eines neuen Marktsegments angeht, ist das hier das deutlichste Wachstum, das ich in meiner Karriere je gesehen habe bei der Errichtung eines Segments und das macht Mut für die weitere Entwicklung, die wir natürlich ernsthaft betreiben werden.

One-Stop-Shop-Ideen, neue Indizes zu handeln, ETFs, andere Börsen, russische ADRs … was wird denn 2018 noch obendrauf kommen?

Also das setzen wir natürlich konsequent fort. Es gibt ja noch die einen oder anderen Rechtsräume, interessante Märkte, durchaus auch Asset-Klassen, die an der Wiener Börse noch nicht so sehr präsent sind und nach wie vor an anderen Börsen gehandelt werden müssen, aber da, verzeihen Sie, will ich jetzt gar nicht vorgreifen. Wir haben da einen ganz exakt getakteten Plan, der aber auch bereits im ersten Quartal zwei interessante weitere Märkte und eine sehr interessante, neue Asset-Klasse vorsieht.

Okay, na dann komme nochmal ich auf Sie zu. Wie haben Sie denn das Jahr persönlich erlebt? Sind Sie und Ihre Familie in Wien - nach etwas mehr als einem Jahr - als Berliner angekommen?

Naja, so ganz Berliner bin ich ja nicht. Es gab ja doch erhebliche Sozialisation auch in Stuttgart und ich glaube, aus dem rauen Norden ist das ein guter Zwischenschritt in den freundlichen und höflichen Süden gewesen in Stuttgart und was den Empfang hier in Wien angeht, kann ich nur vorbehaltlos sagen: Wir sind fantastisch aufgenommen worden und die Stadt macht es einem auch sehr einfach, hier Zugang zu finden. Man kann sich hier bei allen Österreichern bedanken.

Es ist ja jetzt eine neue Regierung in Österreich im Amt. Die Regierung ist ja von Ihrem Sitz im Prinzip nur einen Steinwurf weg. Was sind denn Ihre Forderungen als Börse an die neue Regierung?

Es gibt jetzt ein Regierungsprogramm und dieses Regierungsprogramm hat mit dem grundsätzlichen Bekenntnis zur Entwicklung eines Kapitalmarktplans mit dem Willen zur Stärkung der Finanzbildung, mit dem Willen zur Stärkung einer zweiten und dritten Säule bei der Altersversorgung, einer gewissen Senkung der Kosten für das Going Public und das Being Public an der Börse einiges aufzuweisen. Mit all diesen Punkten hat das Regierungsprogramm gute Zielmarken gesetzt. Das sind – sehr zu begrüßen – abstrakte Programmsätze, die natürlich jetzt ausgearbeitet werden müssen. Insbesondere geht es um einen Punkt, nämlich die Wiedereröffnung des Dritten Marktes der Wiener Börse, was sich die Regierung ja grundsätzlich auch ins Programm geschrieben hat, wo wir uns wünschen würden, dass das möglichst schnell passiert. Schließlich haben wir etliche Emittenten ganz konkret ante portas, die also sofort diese Möglichkeit nutzen würden und insofern kurz zusammengefasst, ist das Regierungsprogramm zu begrüßen. Es kommt jetzt auf die Ausgestaltung an – wenn man jetzt einen Wunsch äußern darf, dann würde ich sagen, sollte man doch sich sehr beeilen bei kleinen Details, wie zum Beispiel der Wiedereröffnung des Dritten Marktes.

Wenn jetzt die Buwog von der Vonovia vom Börseplatz Wien weggekauft wird, da verlieren Sie ja eigentlich einen schönen Börsenwert. Schade, eigentlich. Wie siehts eigentlich mit dem IPO-Nachwuchs aus?

Ja, also da muss man das auch mal wieder ins rechte Licht rücken. Die Diskussion läuft da in Österreich doch etwas anders, als sie international in aller Regel läuft. Ich habe in Österreich erstmals lernen müssen, dass das ein Riesenthema ist, wenn Firmen übernommen werden. Ich glaube, das liegt natürlich an der Eigenart, dass eine mittelgroße Volkswirtschaft eher Target im Rahmen von Übernahmen ist als selber Übernehmender zu sein und das verändert vielleicht etwas die Wahrnehmung der Übernahmevorgänge. Ich finde das erstmal ein tolles Kompliment an die österreichische Wirtschaft, an die österreichische Industrie, an die österreichischen Unternehmen, dass es hier offensichtlich Unternehmen gibt, die von einer solchen Attraktivität sind, dass andere Weltmarktführer sich für sie interessieren. Das kommt mir viel zu kurz in der Wahrnehmung in der österreichischen Öffentlichkeit, deswegen ist es mir wichtig, das mal festzustellen. Dann ist es, glaube ich, aus Börsensicht eine durchaus offene Frage, wie das mit der Buwog weitergeht und ich habe hier übrigens das auch überhaupt nicht zu kommentieren; ich kann aber auf das verweisen, was ich bei Ihnen im boersenradio.at, Herr Heinrich, gehört habe. Ihr Kollege, der geschätzte Herr Leben, hat ja mit Daniel Riedl, dem CEO der Buwog, gesprochen. Riedl hat ja selbst strukturell schon angekündigt, dass es hier weniger um ein Verschwinden der Buwog am österreichischen Markt geht, sondern vielmehr vielleicht sogar, um eine Integration diverser conwert-Aktivitäten in die Buwog hinein, um damit natürlich europäischer Marktführer zu bleiben und das mag man dann durchaus auch als einen Erhalt der Börsennotiz interpretieren, aber das sind alles offene Fragen, für die wie immer auch der Emittent im Vordergrund steht und natürlich zuvorderst zu befragen ist.

Und wie siehts jetzt eigentlich am IPO-Markt aus?

Ja, wir haben - Verzeihung, ich wollte die Frage nicht unterschlagen - wir haben ja mit der Bawag zunächst Europas drittgrößten Börsengang gesehen. Das hat eine wunderbare Magnetwirkung ausgelöst, wir sind da in vielfachen Gesprächen und ich bin zuversichtlich, dass sich auch diese Neuzugänge weiterentwickeln werden. Sie wissen, die Rolle einer Börse ist da auf die eines Infrastrukturanbieters beschränkt. Letztlich ist es die Entscheidung immer des Unternehmens selbst, den Sprung an die Börse zu wagen. Unsere Aufgabe ist allerdings die Dienstleistung dieser Börse dann maximal sichtbar zu machen und natürlich den österreichischen Emittenten zu überzeugen. Wir sind wirklich fundamental überzeugt und alle unsere eigenen Liquiditätsprojektionen zeigen, dass auch hier an der Wiener Börse der richtige Platz für einen heimischen Emittenten ist und nicht an fremden Börsenplätzen, wo er vielleicht auf Platz 699 untergeht.

Ich hätte da noch einen Vorschlag: Also ich glaube, was wirklich fehlt - und zwar in ganz Europa - ist so ein Start-Up-Segment. Die Idee des Neuen Marktes war gut, die Umsetzung war schlecht. Ich glaube, es fehlt wirklich so ein kleines Segment unterhalb des AIM in London oder vielleicht ähnlich strukturiert. Für viele, die Kapital brauchen, zB für die nächsten Erfinder so wie Siemens und Daimler - die hatten die Börse gebraucht schon mit Auflagen, aber nicht unbedingt die, die jetzt die zehn Millionen Euro Umsatz haben müssen.

Also, wenn wir beide uns darauf verständigen können, dass wir mit „Start-Up“ solche Firmen meinen, die also ihre Gründungsphase absolviert haben, die also nicht mehr im Seed- oder Angel-Bereich sind, die ersten Private-Equity-Transaktionen hinter sich haben, vielleicht auch ein Private-Placement gemacht haben und dann tatsächlich im Funding-Escalator an den ersten Börsensegmenten kratzen, dann bin da ich voll bei Ihnen. Ich glaube, das ist eine terminologisch wirklich große Fehlwahrnehmung in Europa, dass jeder von Börse und Start-Up spricht. Börse und Start-Up, das hat wirklich nichts miteinander zu tun, das ist weit voneinander entfernt; aber im Kern haben Sie natürlich trotzdem recht, wenn wir uns auf diese Definition einigen können, dann muss da etwas passieren. Ich glaube, wir haben in Österreich die Funktionsfähigkeit unseres Dritten Marktes als Eingangssegment in dem von Ihnen beschriebenen Sinne durchaus nachweisen können. Wir haben ja durchaus mehr als eine Handvoll Unternehmen gebracht in unseren Dritten Markt, das waren keine Österreicher, sondern Deutsche, Schweizer und Italiener, also ausländische Titel, weil der Dritte Markt bei uns ja für die heimischen Unternehmen noch nicht zugänglich ist, was sich dann aber hoffentlich im Rahmen der Re-Regulierung der Märkte durch die neue Regierung bald ändern wird und dann werden Sie sowas in Österreich auch sehen, das wird erfolgen, das kann ich hiermit versprechen.

Herr Boschan, ich bedanke mich für das Update 2017. Danke für die Zusammenarbeit und ja, viel Erfolg für das Jahr 2018.

Herr Heinrich, ganz im Gegenteil: Ich habe mich zu bedanken. Vielen Dank für das vielfache Gehör auch auf Ihrem Kanal und alles Gute für’s nächste Jahr. Bis dahin. 


Interview für boersenradio.at: Peter Heinrich 

Transkript: Harriet Jatho

Fotos: Michaela Mejta

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(Dezember 2017)





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