Interview mit Martin Grüll, CFO RBI (Transkript boersenradio)

 

Grüll: Ich verantworte neben dem klassischen CFO-Bereich auch den Bereich Treasury und auch Investor Relations.

boersenradio.at: Hilft Ihnen eigentlich der Druck der EZB? Die EZB wünscht ja: Liebe Banken gebt mehr Geld raus an die Wirtschaft. Hilft das oder ist es umgekehrt? Die Wirtschaft brummt, also brauche ich mehr Kredit, dann gehe ich zu 'ner Bank?

Also das ist unabhängig von der Politik der Europäischen Zentralbank. Es ist einfach so, dass die Länder, wo wir tätig sind – und das ist ja in erster Linie Zentraleuropa und Südosteuropa aber auch Russland – da springt das Wirtschaftswachstum eigentlich flächendeckend an. Wir reden von vier Prozent Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes in Zentraleuropa, also das sind die Länder Ungarn, Polen, Tschechien, Slowakei. Wir reden von über 4 Prozent also 4,4 Prozent in Südosteuropa, also allen voran Rumänien mit knapp sechs Prozent Wirtschaftswachstum für 2017...

… also Traumzahlen …

Ja, das hat damit zu tun, dass die Länder über viele Jahre auch eher zurückhaltend waren und jetzt, wo die Zuversicht da ist und die Stimmung gut ist, beginnen die Firmen zu investieren, beginnen die Kunden neue Autos zu kaufen, beginnen die Kunden auch in anderen Bereichen zu konsumieren. Das spüren die Banken und wir sehen insbesondere Tschechien, Slowakei aber jetzt auch in Rumänien das Kreditwachstum anspringen und das sieht man natürlich auch in der Folgewirkung in der Ertragsentwicklung.

Sind das normale Zyklen, so dass man sagen kann - nach Lehman geht’s wieder auf, sieben, acht Jahre. Da müssten wir fast am Höhepunkt des Wirtschaftsbooms sein?

Es ist kein überhitztes Wachstum. Also wir hatten ja vor Lehmann Wachstumsraten im Bankgeschäft von 15, 25 Prozent … manchmal. Diese Zeiten sind definitiv vorbei. Wir sprechen jetzt hier jetzt in Tschechien und Slowakei von zehn Prozent, 12 Prozent. Also das ist kein gesundes Wachstum und kein gefährliches Wachstum, daher mache ich mir diesbezüglich keine Sorge und unsere Volkswirte gehen davon aus, dass das ein eher langer und nachhaltiger, positiver Zyklus ist.

Kommen wir zum Niedrigzins-Überschuss. Plus 1,3 Prozent auf 1,6 Milliarden im ersten Halbjahr. Wie gehen Sie als Bank um mit dieser Happy-Hour der Notenbanken?

Sie meinen mit den Niedrigzinsen?

Mit den Niedrigzinsen, ja.

Naja, wir haben ja nicht so viele Länder im Euro-Raum …

Wie viele sind das?

Naja, wir sind eigentlich nur in Österreich und in der Slowakei in der Euro-Zone. Slowenien war in der Euro-Zone, aber das haben wir verkauft, das war sehr, sehr klein. Wesentliche Länder sind, wie schon erwähnt, Rumänien, Polen, Tschechien, Slowakei aber auch Russland und da haben wir diese ultraniedrigen Zinsen nicht. Also wir haben zum Beispiel in der Ukraine – an sich ein nunmehr kleines Land für uns – eine Zinsspanne von knapp zehn Prozent. Davon können viele andere Länder und andere Banken nur träumen. Wir fahren eine Zinsspanne in Russland von etwas über fünf Prozent und wir haben in Polen jetzt eine Zinsspanne jetzt von 2,2 Prozent. Also das heißt, wir leiden nicht so sehr unter dem ultraniedrigen Zinsniveau, das wir in der Euro-Zone sehen.

Ukraine sagten Sie zehn Prozent. Warum ist das so hoch?

Weil das Zinsniveau derzeit noch in der Ukraine so hoch ist. Die Ukraine kommt jetzt langsam aber sicher aus der Krise. Wir sehen schon, dass die Zinsen beginnen wiederum zurück zu gehen, aber derzeit fahren wir noch zehn Prozent – auch das wird nicht ewig bleiben. Aber wenn’s dann in der Ukraine nurmehr fünf Prozent gibt, macht das macht das in Bezug auf den Ertrag auch große Freude.

Trotzdem nochmal zurück zum Niedrigzins. Man ist ja auf der Suche nach Assets, nach anderen Beteiligungen, nach Immobilien. Wie stark sind Sie hier selbst engagiert als Bank?

Also Investments in Immobilien tätigen wir praktisch nicht. Es sei denn, es geht um eigene Gebäude, wo wir unsere Büros und Vertriebsstellen haben. Wir sind natürlich weiterhin aktiv in Immobilienfinanzierungen, also Kredite an sowohl private als auch an gewerbliche Immobilien aber mit einer sehr konservativen Kredit- und Risikopolitik. Also wir verlangen immer ausreichende Eigenmittel, schauen uns sehr genau an, wie die Vermietungssituation ist, ob der Cash-Flow ausreicht, um den Kredit auch in der vorgesehenen Zeit zu bedienen. Also wir gehen hier sehr, sehr vorsichtig vor, weil natürlich auf der Immobilienseite man schon auch in den letzten Jahren in einigen Ländern auch gewisse Verzerrungen gesehen hat, eben aufgrund dieser extrem niedrigen Zinsen. Aber wir sind offen für Immobilienfinanzierungen, verlangen aber entsprechende Bedingungen, insbesondere einen ordentlichen Eigenkapital-Polster.

Also mindestens 30 oder 40 Prozent wahrscheinlich.

Das will ich jetzt nicht sagen. Es kommt ganz darauf an: Wo die Immobilie ist, wer der Investor ist, wie viele Mieten zu erwarten sind. Also das würde ich jetzt so generell nicht beantworten.

Sagen Sie eine Frage, die vermutlich auch viele manchmal gar nicht so reflektieren, die hier rumlaufen: Ist „Raiffeisen“ Raiffeisen? Es gibt ja RZB, Raiffeisen International. Was ist so im österreichischen Sprachgebrauch die „Raiffeisen“? Es sagen alle einfach „Ich gehe zur Raiffeisen“? Oder unterscheidet der normale Kunde das sehr fein?

Naja, wir sind als Raiffeisen Bank International nicht im österreichischen Privatkundengeschäft. Dieses wird abgedeckt von den vielen österreichischen Raiffeisenbanken beziehungsweise den Landesbanken. Die Raiffeisen Zentralbank, wurde mit uns fusioniert. Also die Raiffeisen Zentralbank ist letztendendes dann in die Raiffeisen Bank International aufgegangen. Es gibt also, einfach formuliert, einen österreichischen Raiffeisen-Sektor und einen internationalen Arm …

 … und wie nennen’s die Österreicher? Einfach „meine Raiffeisen“?

Meine Bank.

Meine Bank. Okay.

Vielleich darf ich noch ergänzen: Das wir als Raiffeisen Bank International schon auch in einem Segment in Österreich aktiv sind und das sind die Top-1000, Top-2000 Kunden. Also es ist nicht so, dass er österreichische Raiffeisen-Sektor und die Raiffeisen Bank International sich irgendwie kannibalisieren. Der Raiffeisen-Sektor betreut eben das Privatkundengeschäft, das mittelgroße Firmenkunden-Segment und wir kümmern uns um das große Segment, die Großkunden, die auch in Osteuropa sehr oft Außenstellen und Niederlassungen haben. So können wir diese Kunden in Österreich aber auch in unserem umfassenden Netzwerk betreuen.

Wie viele Kunden haben Sie eigentlich nicht aus Österreich?

Privatkunden. In Österreich haben wir keine Privatkunden. Die Raiffeisen Bank International hat keine. Das wird eben von den österreichischen …

… also kann man sagen 95 Prozent sind nicht in Österreich Ihre Kunden?

Das wird es keinen Prozentsatz geben. Aber die österreichischen Privatkunden werden vom österreichischen Raiffeisen-Sektor, den sehr erfolgreich agierenden, insbesondere den Raiffeisenbanken, die fast jeden Ort in Österreich haben. Und wir kümmern uns in Österreich nur um das Firmenkunden-Großsegment.

Wie weit sind Sie eigentlich mit dem Börsengang in Polen Ihrer Tochter?

Jetzt gibt es eine neue Frist. Es gibt eine Vereinbarung aus dem Jahr 2012, dass wir zumindest 15 Prozent an die Börse bringen. Wir stehen zu dieser Vereinbarung. Es gibt eine neue Frist 2018, Mai 2018 und wir stehen in laufenden Verhandlungen oder Gesprächen mit der polnischen Aufsicht, mit der nationalen Aufsicht, wie wir das bewerkstelligen. Mehr kann ich im Moment dazu auch nicht berichten. Wichtig ist für uns in Polen eigentlich das Geschäft, das hat einen noch größeren Stellenwert, dass wir unsere Kunden ordentlich betreuen. Da passiert sehr viel. Wir haben jetzt ein umfassendes Transformationsprogramm, wo wir das Filialnetz sehr straffen und teilweise ersetzten auch durch digitale Vertriebskanäle. Wir investieren 25 Millionen Euro in moderne Vertriebskanäle, um den Kunden noch besser und noch effizienter zu erreichen. Das ist für uns eigentlich ganz oben auf der Agenda.

Wie gehen Sie eigentlich mit dem Druck der Finanz- und Bankenbranche um? Die Bankenbranche unter Druck: Letztendlich Digitalisierung, FinTechs kommen, die EZB, neue Vorschriften, jedes Land hat andere Vorschriften für Sie … wahrscheinlich? Die ING, der neue ING-Chef will ja aus seinem Konzern ja nicht 'ne Bank machen, sondern einen Technologie-Konzern. Also da passieren ja ganz viele Umbrüche und Technologie-Konzerne bieten Bank-Dienstleistungen an.

Ja, das ist eine ganz zentrale Frage mit der wir uns sehr beschäftigen. Es gibt ja die Diskussion: Sieht man die Digitalisierung als Bedrohung oder als Chance? Und wir sehen sie eindeutig als Chance. Wir haben eine Bank in der Slowakei, die Champion ist im Bereich der Digitalisierung, das hat eine unabhängige Studie auch belegt. Wir sind hier führend in der Entwicklung vom digitalen Auftritt in Zentral- und Osteuropa, das ist die Tatra Banka. Und auf diesem Wissen sozusagen aufbauend werden wir das auch ausrollen auch in anderen Ländern. Also für uns ist das auch die Kooperation mit FinTech – also man sieht ja auch die FinTechs oft als Bedrohung oder die Medien stellen die FinTechs als große Bedrohung der Banken dar - wir sehen das nicht so.

Das heißt ja, FinTechs können ja auch ohne Bank gar nicht existieren. Letztendlich braucht jeder FinTech-Anbieter irgendwo 'ne Bank-Schnittstelle.

Auf Sicht glaube ich, dass es hier zu einer Kooperation kommen wird. Ich darf Ihnen da ein Beispiel zeigen: Wir haben ein sogenanntes Accelerator-Programm aufgestellt. Hier geht es darum early Start-Ups im FinTech-Bereich, im Finanzbereich hier tatkräftig zu unterstützen. Wir hatten eine Ausschreibung. Innerhalb von sechs Wochen haben sich 336 early Start-Ups aus dem FinTech-Bereich gemeldet. Sechs davon kommen jetzt in die engere Auswahl und wir schauen, in welcher Form wie wir mit diesen sechs oder einigen oder einem davon hier auch eine enge Kooperation … wo wir dann eben noch besser die Kundenauftritte organisieren können. Also noch einmal: Wir sehen die FinTech-Branche eher als Kooperationspartner und nicht als Bedrohung.

Kommen wir zum Ausblick: Was sind Ihre Ziele 2017 und brauchen Sie als CET-1-Ratio, zum Beispiel, als Ziel? 13 Prozent? 11 Prozent?

Ja wir haben ein ganz klares Ziel, was die Kapitalquote - die von Ihnen angesprochene CET 1 oder Common-Equity-Tier-1-Ratio – von 13 Prozent. Das wird heuer wahrscheinlich noch nicht sein aber mittelfristig ist das absolut realistisch. Wir sind weit mit unserer aktuellen Kapitalausstattung über den aktuell erforderlichen Mindeststandards. Also wir haben hier einen sehr ausreichenden Management-Puffer. Also das ist ganz klar geregelt. Wenn Sie jetzt andere Ziele ansprechen: Wir peilen 11 Prozent Return on Equity, also Rendite nach Steuern, an. Wir peilen eine Costing Income Ratio, also das ist das Verhältnis zwischen Kosten und Ertrag, zwischen 50 und 55 Prozent an. Und was glaube ich ganz, ganz wesentlich ist, ist die Non-performing Lohnquote - die ja in den letzten Jahren seit Lehman-Krise besonders stark in den Medien auch immer diskutiert wurde – hier machen wir große Fortschritte. Wir hatten ein Ziel von acht Prozent für Dezember. Wir haben dieses Ziel schon im Juni unterschritten und werden das aktuelle Niveau auch deutlich wieder unterschreiten. Also wir sind auch in diesem Bereich auf sehr gutem Weg.

Herr Grüll, vielen Dank.

Danke vielmals für das Interview.

Hinweis: Audio unter http://www.wienerborse.at (barrierefrei, Österreich) bzw. http://www.boersenradio.at (Login, Komplett-Feed).


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Beitrag von boersenradio.at



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