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Bei Finanzwissen gibt es in Österreich viel Luft nach oben

Interview mit Bettina Fuhrmann, Leiterin des Instituts für Wirtschaftspädagogik an der WU Wien und Mitglied im Beirat des ZFA

Frau Fuhrmann, wie würden Sie Österreich in Bezug auf Financial Literacy im europäischen Vergleich beurteilen?

Bettina Fuhrmann: Das kommt darauf an, welche Studie Sie zur Beantwortung der Frage heranziehen. In der jüngsten Studie zum Finanzwissen, die die OeNB 2019 als Beitrag zum OECD-Programm Measuring Financial Literacy durchgeführt hat, konnten etwas mehr als die Hälfte der Befragten zumindest sechs oder sogar sieben von sieben Finanzwissensfragen richtig beantworten. Das ist im Ländervergleich sehr gut. Ziehen Sie jedoch die umfassendste weltweite Studie, den S&P Global FinLit Survey aus dem Jahr 2014 heran, so konnten 53 Prozent der befragten ÖsterreicherInnen zumindest drei von vier Fragen richtig beantworten und lagen damit im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld.

Unabhängig davon, welche Studie Sie heranziehen und ob Sie das Ergebnis nun als „halb volles“ oder „halb leeres Glas“ interpretieren, muss man feststellen: Es gibt beim Finanzwissen sehr viel Luft nach oben und damit viel Nachholbedarf. Denn die eingesetzten Fragen waren bei beiden Untersuchungen sehr „basic“ und würden bei weitem nicht ausreichen, um die gängigen finanziellen Herausforderungen im Laufe eines Lebens – also Sparen, Finanzieren, Vorsorgen und Vermögensaufbau – kompetent und verantwortungsbewusst zu meistern. Bei nicht ganz so einfachen Konzepten wie Risikodiversifikation, Zinseszins und Wertpapieren zeigen sich rasch die weit verbreiteten Wissensdefizite.

Warum spielt ihrer Meinung nach der Faktor Sicherheit eine größere Rolle als der Faktor Ertrag?

Verluste schmerzen mehr als Gewinne erfreuen, so eine Erkenntnis im Bereich Behavioral Finance. Viele versuchen, Verluste unbedingt zu vermeiden und setzen daher auf sichere Investments, auch wenn sie ertragsschwach sind. Was manche übersehen, ist, dass sie inflationsbedingt damit auch Verluste erleiden.

Ist den Sparern eigentlich bewusst, dass sie real Vermögensverluste erleiden?

In Niedrigzins- bzw. Nullzinszeiten ist es ihnen eher bewusst als in Zeiten, in denen sie eine Nominalverzinsung von ein paar Prozent hatten, aber die Inflationsrate noch höher war. Auch da war der Realzins negativ, aber für viele nicht so deutlich wahrnehmbar wie jetzt gerade.

Wo müsste Financial Literacy ansetzen, um das Veranlagungsverhalten der Österreicher zu verändern?

An mehreren Punkten gleichzeitig: einerseits schon in der Schule, und zwar im Pflichtschulbereich. Ein Grundlagenwissen zu wirtschaftlichen Zusammenhängen und wesentlichen geldbezogenen Fragestellungen sollten die SchülerInnen bis zum Ende der Pflichtschule erworben haben. Andererseits ist es wichtig, auch die Erwachsenen zu erreichen, die zahlreiche weitgehende finanzielle Entscheidungen treffen können müssen. Je früher sie dafür sensibilisiert und informiert werden, umso besser – sei es für die Gründung eines Haushalts oder eines Unternehmens, für die Finanzierung einer Immobilie oder eines KFZ, für die Pensionsvorsorge oder für das Schaffen eines finanziellen Polsters für schlechtere Zeiten. Auch Erwachsene sollten sich bei einer neutralen Informationsstelle schlau machen können und beraten lassen.

Wer ist für die Bildung von Financial Literacy am stärksten von Bedeutung?

Derzeit hängt es vor allem vom Elternhaus ab, wie „financially literate“ Kinder und Jugendliche sind. Reden Eltern und Erziehungsberechtigte mit ihren Kindern über Geld und sind ihnen auch selbst ein gutes Vorbild im Umgang mit Geld, dann haben die Kinder gute Karten, finanziell gebildet zu sein. Defizite im Elternhaus könnten am besten durch entsprechende Angebote im Schulunterricht – zumindest teilweise – kompensiert werden.

Kann der Bankberater einen größeren Beitrag zur Finanzbildung seiner Kunden leisten? 

Ich bin der Überzeugung, dass Berater, die das Vertrauen ihrer Kunden genießen und deren finanziellen Bedürfnisse kennen, wertvolle Hinweise geben und sehr gut beraten können. Aber es ist meiner Meinung nach nicht die Aufgabe des Bankberaters, Grundlagen zu vermitteln, also zum Beispiel zu erklären, was Zinsen sind und was Inflation bedeutet.

Frau Fuhrmann, wir bedanken uns für das Gespräch!

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