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Angelika Sommer-Hemetsberger: "Auch Mittel von Privaten über die Börse werden zum Wiederaufbau der Wirtschaft gefragt sein"

Oekb - Angelika Sommer-Hemetsberger

Liebe Frau Sommer-Hemetsberger. Sie bilden gemeinsam mit Helmut Bernkopf quasi die Doppelspitze der OeKB, der Kapitalmarkt fällt dabei in Ihren Verantwortungsbereich. Nun ist in der Welt und auch am Kapitalmarkt 2020 nichts normal. Wie „normal“ kann das Kapitalmarktgeschäft 2020 beim Infrastrukturanbieter OeKB ablaufen?

Angelika Sommer-Hemetsberger: Die aktuelle Situation betrifft jeden Bereich der Wirtschaft und des Lebens. Davon sind auch die Kapitalmarkt Services der OeKB nicht ausgenommen. Wir unterstützen beispielsweise wie gewohnt die Republik Österreich bei ihrer Finanzierungsaufgabe. Darüber hinaus sorgen wir dafür, dass viele weitere Kapitalmarktprozesse auch aus dem Home-Office rund laufen und der heimische Kapitalmarkt nichts an Stabilität einbüßt. Und wir denken auch schon an die mittelfristige Zukunft. So hart es im Augenblick für die Wirtschaft und die Menschen ist, sind wir zuversichtlich, dass Österreich bald wieder aus der Krise herauskommt und damit auch wieder eine gewisse Normalität einkehrt. Idealerweise kommt in dieser Normalität auch der Gedanke der Nachhaltigkeit im Sinne des „Green Deal“ der EU-Kommission und der österreichischen Bundesregierung vor. 

Was sind die großen Dinge, die sich gegenüber normalen Zeiten geändert haben? 

Ein wesentlicher Unterschied, der von außen nicht so offensichtlich ist, ist die neue Form der Zusammenarbeit im virtuellen Raum. Die gesamte OeKB ist Mitte März während eines einzigen Wochenendes ins Home-Office übersiedelt. Nur eine Handvoll Mitarbeitende sind in der Bank geblieben, um den erforderlichen Basisbetrieb vor Ort sicherzustellen. Alles andere läuft von zuhause. Eine weitere Änderung sind die erhöhten Arbeitserfordernisse, die sich durch die Krise ergeben haben. Als Dienstleisterin der Republik sind wir – gemeinsam mit den Hausbanken – eine von jenen Partnerinnen, die jetzt an vorderster Front stehen, um rasch die erforderlichen Garantien und Finanzmittel zur Liquiditätssicherung der Wirtschaft und der Betriebe zur Verfügung zu stellen. 

Sie sind mit der OeKB auch Geschäftsstelle für die Begebung von Bundesanleihen. Aktuell wird viel aufgestockt. Bitte um ein paar Worte dazu, wie das abläuft.

Die Republik Österreich nutzt verschiedene Begebungsformen für die Deckung ihres Finanzierungsbedarfs. Welches Instrument gewählt wird, hängt von der Marktsituation, der Investorennachfrage und dem Finanzierungsbedarf ab. Neben Bundesanleihe-Auktionen zählen flexible Finanzierungsformen wie syndizierte Emissionen und die Erhöhung der Eigenquote dazu. Bei den Auktionen, die über die OeKB abgewickelt werden, findet eine regelmäßige, monatliche Versteigerung von Bundesanleihen mit einem fixen Auktionsteilnehmerkreis statt. Das sind Banken, die als Primärhändler zugelassen sind. Dazu müssen sie bestimmte Voraussetzungen, insbesondere eine ausreichende Eigenmittelausstattung, vorweisen. Die zugelassenen Primärhändler sind zur kompetitiven Gebotsabgabe verpflichtet. Diese beginnt am Auktionstag um 10 Uhr MEZ und endet eine Stunde später um 11 Uhr MEZ. Gebote können ausschließlich im speziellen System der OeKB, dem Austrian Direct Auction System (ADAS), abgegeben werden.

Entscheidet sich der Bund für die Mittelaufbringung über syndizierte Neuemissionen und eine Aufstockung bestehender Anleihen, erfolgt dies über ein Bankenkonsortium. Eine Erhöhung der Eigenquote des Bundes außerhalb einer Auktion wird bilateral über die OeKB über den Sekundärmarkt abgewickelt. Eigenquoten sind Bestände eigener Wertpapiere des Bundes. 

Zum Aktienmarkt: Mitte März wurden in Wien massive Short-Positionen hochgefahren, dann kam das Leerverkaufsverbot, das nun verlängert wurde. Spielt die OeKB in diesem - für mich - zentralen Kapitalmarktthema eine überwachende Rolle? 

Ich denke, dass hier unser – historisch begründeter – Name „Kontrollbank“ etwas irreführend ist. Die OeKB hat keine aufsichtsrechtlichen Aufgaben und daher auch keine überwachende Rolle. Wir agieren als Dienstleisterin für den Kapitalmarkt. Das Verbot für Leerverkäufe wird von der Finanzmarktaufsicht als zuständige nationale Aufsichtsbehörde per Verordnung festgelegt. 

Ich hatte es gar nicht so in Richtung Kontrolle gemeint, eher in Richtung des großen Datenschatzes. Ihre Meinung zu Leerverkäufen generell?

Unter normalen Marktbedingungen spielen Leerverkäufe eine wichtige Rolle, damit die Finanzmärkte im Hinblick auf Marktqualität, -effizienz und -liquidität ordnungsgemäß funktionieren können. Leerverkäufe in Zeiten beträchtlicher finanzieller Instabilität können jedoch die Abwärtsspirale von Aktienkursen verstärken, insbesondere bei Finanztiteln. Dies würde die Lebensfähigkeit der Finanzinstitute bedrohen, systemische Risiken könnten entstehen. Die Einführung der Verbotsmöglichkeit von Leerverkäufen ist eine Lehre aus der Finanzkrise 2008. Sie wurde als eine jener Maßnahmen entwickelt, die in Ausnahmesituationen – und eine solche haben wir derzeit wieder – dazu beitragen können, die Stabilität der Finanzmärkte zu sichern und das Vertrauen der Anleger in einen funktionsfähigen Kapitalmarkt zu gewährleisten. 

Im Herbst 2019 haben Sie einen eigenen, vielbeachteten 500-Millionen-Euro-Bond für nachhaltige Projekte sehr schnell und erfolgreich platziert. Das Geld soll zu 70 Prozent für Sozialprojekte und zu 30 Prozent für Umweltprojekte verwendet werden. Wie viel ist da schon gewidmet? 

Wir konnten bereits das gesamte Volumen von 500 Millionen Euro zuweisen. Mit einem Anteil von 38 Prozent fließen die Geldmittel vorrangig in Projekte zur Verbesserung des Gesundheitswesens und der Ausbildungsmöglichkeiten in Entwicklungsländern. 30 Prozent der Emissionserlöse kommen im Bereich Erneuerbare Energien zur Errichtung von klima­freundlichen Stromproduktionsanlagen zum Einsatz. 100 Millionen Euro oder 20 Prozent der Emissionserlöse sind für die KMU-Finanzierung in Österreich zur Verbesserung der Arbeitsplatzsituation vorgesehen. Die restlichen 12 Prozent werden für die Modernisierung der Trinkwasserversorgung und die Erneuerung bzw. den Ausbau von Wasserleitungen verwendet. 

Hätten Sie da ein Referenz-Projekt für mich? 

Ein Beispielprojekt ist die Errichtung eines Wasserversorgungssystems in der Stadt Altai in der Mongolei. Die Wasserversorgung erfolgte bislang über das Grundwasser. Der Grundwasserspiegel ist jedoch aufgrund der Klimaveränderung stark abgesunken. Außerdem ist es durch diverse Umweltbelastungen mit verschiedenen Chemikalien kontaminiert. Der österreichische Gussrohrhersteller Tiroler Rohre führt jetzt die Erneuerung der Wasserversorgung als Generalunternehmer gemeinsam mit dem Wiener Planungsspezialisten ÖSTAP Engineering durch. Neben der Ausrüstung und der Bau- und Ingenieurleistungen werden auch die Schulungen der Menschen vor Ort zur Verlegung der Rohre und zum ordentlichen Betrieb der Anlage sichergestellt. Rund 18.000 Einwohner der Stadt Altai haben damit künftig Zugang zu qualitativ hochwertigem Wasser. 

Ein anderes Beispiel ist die Errichtung des Kosava-Windparks in Serbien. Die serbische Energieversorgung basiert aktuell zu einem großen Teil auf Kohle. Bei erhöhtem Energiebedarf, vor allem in den Wintermonaten, kommt es immer wieder zu Engpässen, die Stromimporte aus dem Ausland notwendig machen. Der von der OeEB, einer Tochter der OeKB, kofinanzierte 69 MW-Windpark wird in der Nähe des Ortes Zagajica, unweit der rumänischen Grenze, errichtet. Es handelt sich dabei um das größte Windkraftprojekt Serbiens, das einen Vorzeigeeffekt für weitere Erneuerbare Energieprojekte im Land haben soll. 

Kann so eine Emission auch um eine Covid-Facette ergänzt werden?

Wir sehen uns dies gerade näher an. Die ICMA (International Capital Market Association) hat kürzlich ihre Social Bond Guidelines um das Thema Covid-19 erweitert. Mit dem von der OeKB auf Basis der ICMA-Guidelines erarbeiteten Sustainable Financing-Framework gibt es generell eine breite Grundlage bei uns für solche Bonds. 

Aktuell sind es - soweit ich weiß - drei Covid-Maßnahmen, die über die OeKB laufen. Das Hilfspaket zur Liquiditätssicherung aller österreichischen Großunternehmen, die Unterstützung von Exportunternehmen beim Kreditrahmen und die  Fast-Line-Fazilität in Höhe von 100 Mio. Euro für Neugeschäfte in den Sektoren Gesundheitsversorgung, Zivil- und Katastrophenschutz, Wasser- und Abwasser sowie Abfallwirtschaft. Welche Maßnahme ist die wichtigste und (zeit)intensivste?

Alle Maßnahmen bieten unseren heimischen Unternehmen eine wichtige Unterstützung in dieser schwierigen Zeit. Besonders der Sonder-Kreditrahmen wurde stark nachgefragt. Bezüglich dem Zeit­aspekt haben wir gemeinsam mit dem Finanzministerium intensiv daran gearbeitet, die Durchlauf- und Bearbeitungszeiten noch weiter zu verkürzen. In einer solchen Ausnahmesituation geht es darum, dass wir alle an einem Strang ziehen, um dem Standort Österreich unter die Arme zu greifen und österreichischen Unternehmen eine Perspektive zu geben.

Die HV- und Dividendensaison ist völlig erratisch geworden. Vieles wird digital. Danke, dass die OeKB unter den Schirmherren unserer Austrian Visual Worldwide Roadshow ist. Als Medium können wir visualisieren, zeigen; eine virtuelle Konferenz oder gar HV braucht aber viel mehr, rein schon rechtlich. Was haben Sie da in der Schublade?

Seitens der OeKB gibt es dazu kein Angebot. Wir haben bis 2015 über unsere Tochtergesellschaft OeKB CSD ein HV-Service betrieben. Dieses wurde allerdings eingestellt, weil sich unser Fokus im Bereich Kapitalmarkt Services verlagert hat. 

Vor 12 Monaten hielten Sie eine Rede beim Wiener Börsepreis, der gemäß Covid-Richtlinien heuer ebenfalls leider als physischer Event ausfallen muss. Trotzdem die Frage: Was wäre die zentrale Botschaft Ihrer Rede 2020?

Ich würde dazu ermuntern, Optimismus zu bewahren. Gerade die Börsen haben im Laufe ihrer Geschichte immer wieder eine Vielzahl von Krisen erlebt und sich davon stets erholt. Ich bin zuversichtlich, dass es auch diesmal gelingen wird. In jeder Krise stecken auch Chancen. Auf diese Chancen sollten wir unser Augenmerk richten. Dem Kapitalmarkt wird auch nach der Covid-19-Zeit eine wesentliche Funktion in unserem Wirtschaftssystem zukommen. Es wird ein umfassendes Programm zum Wiederaufbau der Wirtschaft brauchen. Dazu werden erhebliche Finanzmittel benötigt. Diese können nicht nur von staatlicher Seite oder über Banken bereitgestellt werden, beziehungsweise ist dies nicht immer der sinnvollste Weg. Hier ist ein Beitrag von privaten Investoren und Anlegern über die Börse gefragt. Noch dazu haben wir in dieser kommenden Phase die Chance, Wirtschaft und Nachhaltigkeit noch stärker zu vereinbaren und damit gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft gegenüber weiteren Krisen zu stärken. Ein funktionierender Kapitalmarkt kann hier auch einige Weichen stellen. Denn mit ihren Anlageentscheidungen bestimmen Investoren an der Börse die Zukunft mit. 

Interview: Christian Drastil

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