10.05.2016, 6056 Zeichen
Tradingcoach Richard Dobetsberger: Trading mit System
Richard Dobetsberger ist eigentlich Molekularbiologe, aber auch seit über 15 Jahren als Value-Investor an der Börse aktiv und Tradingcoach bei nextmarkets.com. Im Interview mit dem AKTIONÄR gibt er Einblicke in seine selbstentwickelte Handelsstrategie und erklärt, warum sein naturwissenschaftlich geprägter Blickwinkel auch an der Börse von Vorteil ist.
◼ Der AKTIONÄR: Herr Dobetsberger, wie sind Sie zum Trading gekommen?
Richard Dobetsberger: Als Jugendlicher startete ich das Trading im Rahmen eines Computerspiels namens „Die Patrizier“. Dabei handelt man in der Hansezeit Güter. Ich kaufte diese billig in einer Hansestadt und verkaufte sie dann teurer in einer anderen. Danach habe ich mit meinem ersten selbst verdienten Geld begonnen, Telekom-Aktien zu traden. Seit einigen Jahren habe ich meine Trading-Aktivitäten intensiviert und meine Fähigkeiten immer weiter ausgebaut. Trotzdem lerne ich täglich dazu. Trading bereitet mir eine unglaubliche Freude.
◼ Welcher war Ihr bisher bester Trade?
Tesla. Zu Beginn der Kursexplosion im Februar 2013 konnte ich die Aktie bei unter 40 Dollar kaufen und im Oktober bei einem Kurs von 170 Dollar wieder verkaufen.
◼ Welches ist Ihr Fachgebiet beim Trading?
Ich bin Molekularbiologe. Nichts liegt mir also näher als Biotechnologie und Pharma. Mein Herz schlägt aber für alle High-Technology-Werte. Und ganz ehrlich: Im Gegensatz zu Warren Buffett trade ich auch Gold und Rohstoffe allgemein.
◼ Auf welchen Regionen und Produkten liegt dabei Ihr Schwerpunkt?
Da ich mich immer weiterentwickle, ist das schwierig festzumachen und unterliegt keinem Dogma. Wie schon erwähnt fühle ich mich den Biotechnologie- und Hochtechnologie-Werten am nächsten, regional gesehen jenen aus den USA und Europa. Das Motto ist hier jedoch klar: Veränderung ist die einzige Konstante im Leben. Die Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten beinhaltet auch ein ständiges Weiterentwickeln der Schwerpunkte. Nicht ich, sondern der Markt und das globale Geschehen entscheiden, wohin die Reise geht.
◼ Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung der Märkte in diesem Jahr ein?
Positiv! Anfangs kam die starke Reaktion auf die sich abschwächende chinesische Wirtschaft für mich doch überraschend. Auch haben Faktoren wie die Entscheidung der Fed, die Zinsen zu erhöhen, oder der Ölpreis Spuren in meinem Portfolio hinterlassen. In diesem Umfeld konnte Gold aber seinen vollen Glanz entfalten. Es gibt also immer Möglichkeiten, auch in trüben Marktsituationen Profit zu schlagen.
◼ Woran orientieren Sie sich bei der Auswahl der Empfehlungen? An Fundamentaldaten oder der Charttechnik?
Ich gehe nach meiner eigenen „Standard Operation Procedure“ – kurz SOP – vor. Dabei beschäftige ich mich zunächst mit aktuellen Nachrichten von Unternehmen und globalen Ereignissen.
Dann folgt der zweite Schritt, eine Auseinandersetzung mit den Werten und den fundamentalen Daten der Ereignisse oder Unternehmen. In diesem Prozess werden Kurs-Gewinn-Verhältnis, Gewinnaussichten und Umsätze, aber auch Produktpalette und aktuelle Äußerungen anderer Analysten ausgewertet. Wenn sich daraus für mich ein positives Bild für ein mögliches Investment ergibt, kommt Schritt drei: Es werden Oszillatoren (RSI), Trend-Indikatoren (MACD) und Preis-Indikatoren (SMA 200 und Bollinger-Bänder) herangezogen.
Last but not least erfolgt dann eine positive oder negative Entscheidung zum Kauf. Diese Vorgehensweise ist zeitaufwendig, jedoch unabdingbar.
◼ Welche Schritte ergreifen Sie, um Risiken zu minimieren?
Ich verwende selber immer eine Stop-Loss-Strategie. Damit mache ich es mir selber einfacher, da ich schon zu Beginn des Trades den maximalen Verlust definiere. Ich würde auch jedem anderen raten, sich die möglichen Verluste immer vor Augen zu halten. Nicht jeder Trade ist gewinnbringend! Money-Management ist daher entscheidend, um langfristig erfolgreich zu sein.
◼ Auf wie viele Empfehlungen können sich Ihre Follower einstellen? Und wie lange bleiben die Empfehlungen durchschnittlich im Depot?
Bei mir steht ganz klar Qualität vor Quantität. Das heißt, ich bilde immer zwischen einer und vier neuen Ideen in der Woche ab. Das mag zunächst nicht sehr viel erscheinen, doch ich betreue meine Trades jeweils über einen längeren Zeitraum weiter. Die Haltedauer kann zwischen einigen Tagen bis einigen Monaten liegen. Solange eine positive Situation vorherrscht, wird die Position offen gehalten. Der Zeitpunkt des Absprungs wird durch die Stop-Loss-Strategie definiert und immer wieder individuell optimiert.
◼ Hand aufs Herz: Wie steht es um Ihren Track Record?
Ich trade nun seit über 15 Jahren. Ehrlich gesagt war mein Track Record am Anfang miserabel. Heute kann ich vom Trading leben. Ich konnte mich also durchaus weiterentwickeln. Hätte ich nextmarkets vor 15 Jahren schon an meiner Seite gehabt und von den Strategien unterschiedlicher Experten lernen können, hätte ich mir wahrscheinlich einiges an Geld und Nerven gespart. Mein Track Record wäre über den gesamten Zeitraum wohl noch erheblich besser.
◼ Wozu würden Sie Ihrem Kind raten: zu einem BWL-Studium oder einer Ausbildung zum Trader?
Zu einem naturwissenschaftlichen Studium! Das Verständnis vom Leben öffnet so viele neue Türen. BWL oder Trading kann mein Kind danach immer noch machen. Was ich meinen Kindern weitergeben möchte, sind drei Wörter: „Lernen, lernen, lernen!“ Daraus resultieren dann auch Werte wie Respekt, Toleranz und vieles mehr.
◼ Welche Tipps würden Sie jedem Anleger mit auf den Weg geben?
Der Markt hat immer recht! Die eigene Meinung oder die Meinung anderer ist manchmal völlig irrelevant. Deshalb ist für mich auch der Stop-Loss so wichtig. Niemand kann alle Parameter, die an der Börse, in der Welt oder im Leben vorherrschen, punktgenau vorhersagen oder bestimmen. Wir können nur eine möglichst gute Interpretation der Lage abgeben und dadurch auch gewinnbringend an der Börse agieren.
◼ Herr Dobetsberger, vielen Dank für das Interview!
http://www.deraktionaer.de/aktie/tradingcoach-richard-dobetsberger-im-interview--239840.htm
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