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04.06.2013, 5706 Zeichen



Von: Alois Wögerbauer, Fondsmanager und KAG-Chef 3Banken Generali KAG.

„Die halbe Wahrheit ist nichts wert“ (Stefan Zweig 1881 – 1942). Halbe Wahrheiten stellen oft auch Schlagzeilen aus der täglichen Medienwelt dar. Die fehlenden ergänzenden Details führen dann oft zu Informationen, die eben wirklich wenig wert sind. „Der Nikkei-Index crasht um 
7 %“ – diese Meldung schaffte es im Mai sogar auf die Titelblätter. Die Tatsache, dass der Nikkei-Index zuvor im Jahresverlauf 2013 cirka 45 % gestiegen war, ist aber eine wichtige Zusatzinformation zur Gesamteinschätzung, welche übersehen wurde. „Der DAX-Index ist auf All-Time-High“. Der Monat Mai brachte auch diese Schlagzeile. Sachlich korrekt, aber ist es wirklich ein Grund für eine Jubelmeldung? Der DAX-Index steht 2013 wieder dort, wo er bereits im Jahr 2007 und auch im Jahr 2000 stand. Ein Anleger, der im Jahr 2000 gekauft hat, ist 2013 wieder an seinem Einstandspreis angelangt. Diese Zusatzinfo ist wichtig, um die Komplexität der Aktienmärkte seit der Jahrtausendwende korrekt zu beschreiben. Diese Zusatzinformation ist auch wichtig, um zu erkennen, dass „All-Time-High“ nichts mit hoher Bewertung aus Kennzahlensicht zu tun haben muss.

Strategie und Taktik

Einer der Grundfehler in der Geldanlage ist das Vermischen zwischen Strategie und Taktik. Zwei Begriffe, die in verschiedensten Lebensbereichen Anwendung finden, aber in der Geldanlage doch etwas Grundverschiedenes darstellen. „Eigentlich denke ich, dass man in den kommenden Jahren Aktien brauchen wird, aber der DAX-Index steht ja schon auf dem Höchststand.“ Diese nahezu klassische Aussage vieler Anleger in den vergangenen Wochen beschreibt genau diese falsche Herangehensweise an das Thema Geldanlage. Die unzulässige Vermischung von Strategie und Taktik.

Zuerst die Strategie…

Zwingen Sie sich dazu, beim Festlegen der Strategie die tagesaktuelle Börsenberichterstattung auszublenden. Die Strategie soll die grundsätzliche Aufstellung für die kommenden Jahre festlegen. Welches Kapital brauche ich laufend verfügbar, welches brauche ich über Jahre nicht? Wie ist meine gesamte Depotstruktur? Welche Aktienquote ist grundsätzlich angemessen für mich, welche verkrafte ich emotional? Wie kann ich aus den aktuellen Rahmendaten von wohl noch lange tiefen Zinsen für kurzfristige Bindungen eine attraktive Geldanlagestrategie aufbauen? Der Stand des DAX-Index an dem Tag, an dem Sie diese Überlegungen anstellen, ist dafür völlig unerheblich. Das ist vergleichbar mit einem Manager eines gut geführten Fußballvereins, der eine Strategie für die kommenden drei Saisonen festlegt und nicht nur für das Spiel am kommenden Wochenende!

 …dann die Taktik!

Taktik berücksichtigt nicht Mehrjahrespläne, sondern konzentriert sich auf das aktuelle Umfeld. Im Fußball ist dies das nächste Spiel, das Einstellen auf den kommenden Gegner. In der Geldanlage ist es die Umsetzung der Pläne auf Basis der aktuellen Marktdaten. Wenn es Strategie ist, den Anleiheteil zu reduzieren und beispielsweise 20 % Aktienquote mittelfristig anzustreben, dann kann es eben eine gute Taktik sein, ein Drittel dieser Gewichtung sofort darzustellen und für ein weiteres Drittel eine tieferes Einstiegsniveau festzulegen, falls der Markt nach den guten Entwicklung der vergangenen Monate zwischenzeitlich konsolidiert. Für das Investment des letzten Drittels macht es eventuell Sinn, die Sommermonate abzuwarten, um weitere Klarheit über die Verfassung der Weltkonjunktur und das Verhalten der Notenbanken zu bekommen.

Höchststand ist nicht gleich teuer

Hoch ist relativ. Auch nahezu alle Immobilienpreise stehen auf Höchstständen. Schließen Sie deswegen weitere Preisanstiege in den kommenden Jahren aus? Bleiben wir beim Beispiel DAX-Index. Wenn dieser 2013 wieder dort steht, wo er im Jahr 2000 stand, so kann man das auch als Zeichen einer attraktiven Bewertung interpretieren. Die Umsätze und die Gewinne der im Index enthaltenen Unternehmen haben sich im vergangenen Jahrzehnt deutlich erhöht, daher sind die Aktien auf Kennzahlenbasis auch deutlich billiger bewertet als im Jahr 2000.
 
Was ist teuer?

Ende der 1960er und Anfang der 1970er-Jahre wurde der Begriff „Nifty-Fifty“ geprägt. Mit den „hübschen 50“ waren die großkapitalisierten US-Unternehmen gemeint, die ein verlässliches langfristiges Gewinnwachstum liefern konnten. Anleger waren verunsichert durch weltpolitische Konflikte und durch die steigenden Schulden des Staates. Es gab eine große Sehnsucht nach Planbarkeit. In diesem Umfeld waren Anleger bereit, für Coca-Cola ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von über 40 und für Johnson&Johnson eines von über 50 zu bezahlen. Parallelen zum aktuellen Umfeld sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Wenn die angesprochenen Unternehmen heute mit einem KGV von knapp 20 notieren, dann sind sie sicher keine Schnäppchen mehr. Aber sind sie wirklich überteuert?

Apropos Geschichte

Märkte und auch Anleger haben oft ein Kurzzeitgedächtnis. Die Schwankungen der Anleihekurse und auch die Schwankungen der Aktienkurse waren in den vergangenen 12 bis 24 Monaten sehr gering. Vergleicht man sie mit der Börsegeschichte, so sind sie außergewöhnlich und untypisch. Wir werden eine gewisse Rückkehr der Schwankungen sehen. Beim Gold hat dieser Prozess bereits begonnen, bei japanischen Aktien wohl auch. Wenn die globalen Aktienmärkte in den kommenden Monaten das eine oder andere Prozent Tagesschwankung mehr zeigen werden, dann weisen wir Sie bereits jetzt darauf hin: Dies ist kein Grund für Angst und Verunsicherung. Im börsegeschichtlichen Kontext ist dies sogar eher der Normalzustand und nicht die geringe Volatilität der vergangenen beiden Jahre. Wichtig ist es aber gerade dann, eine klare Strategie zu haben, damit kein taktischer Fehler passiert.




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    Von: Alois Wögerbauer, Fondsmanager und KAG-Chef 3Banken Generali KAG.

    „Die halbe Wahrheit ist nichts wert“ (Stefan Zweig 1881 – 1942). Halbe Wahrheiten stellen oft auch Schlagzeilen aus der täglichen Medienwelt dar. Die fehlenden ergänzenden Details führen dann oft zu Informationen, die eben wirklich wenig wert sind. „Der Nikkei-Index crasht um 
    7 %“ – diese Meldung schaffte es im Mai sogar auf die Titelblätter. Die Tatsache, dass der Nikkei-Index zuvor im Jahresverlauf 2013 cirka 45 % gestiegen war, ist aber eine wichtige Zusatzinformation zur Gesamteinschätzung, welche übersehen wurde. „Der DAX-Index ist auf All-Time-High“. Der Monat Mai brachte auch diese Schlagzeile. Sachlich korrekt, aber ist es wirklich ein Grund für eine Jubelmeldung? Der DAX-Index steht 2013 wieder dort, wo er bereits im Jahr 2007 und auch im Jahr 2000 stand. Ein Anleger, der im Jahr 2000 gekauft hat, ist 2013 wieder an seinem Einstandspreis angelangt. Diese Zusatzinfo ist wichtig, um die Komplexität der Aktienmärkte seit der Jahrtausendwende korrekt zu beschreiben. Diese Zusatzinformation ist auch wichtig, um zu erkennen, dass „All-Time-High“ nichts mit hoher Bewertung aus Kennzahlensicht zu tun haben muss.

    Strategie und Taktik

    Einer der Grundfehler in der Geldanlage ist das Vermischen zwischen Strategie und Taktik. Zwei Begriffe, die in verschiedensten Lebensbereichen Anwendung finden, aber in der Geldanlage doch etwas Grundverschiedenes darstellen. „Eigentlich denke ich, dass man in den kommenden Jahren Aktien brauchen wird, aber der DAX-Index steht ja schon auf dem Höchststand.“ Diese nahezu klassische Aussage vieler Anleger in den vergangenen Wochen beschreibt genau diese falsche Herangehensweise an das Thema Geldanlage. Die unzulässige Vermischung von Strategie und Taktik.

    Zuerst die Strategie…

    Zwingen Sie sich dazu, beim Festlegen der Strategie die tagesaktuelle Börsenberichterstattung auszublenden. Die Strategie soll die grundsätzliche Aufstellung für die kommenden Jahre festlegen. Welches Kapital brauche ich laufend verfügbar, welches brauche ich über Jahre nicht? Wie ist meine gesamte Depotstruktur? Welche Aktienquote ist grundsätzlich angemessen für mich, welche verkrafte ich emotional? Wie kann ich aus den aktuellen Rahmendaten von wohl noch lange tiefen Zinsen für kurzfristige Bindungen eine attraktive Geldanlagestrategie aufbauen? Der Stand des DAX-Index an dem Tag, an dem Sie diese Überlegungen anstellen, ist dafür völlig unerheblich. Das ist vergleichbar mit einem Manager eines gut geführten Fußballvereins, der eine Strategie für die kommenden drei Saisonen festlegt und nicht nur für das Spiel am kommenden Wochenende!

     …dann die Taktik!

    Taktik berücksichtigt nicht Mehrjahrespläne, sondern konzentriert sich auf das aktuelle Umfeld. Im Fußball ist dies das nächste Spiel, das Einstellen auf den kommenden Gegner. In der Geldanlage ist es die Umsetzung der Pläne auf Basis der aktuellen Marktdaten. Wenn es Strategie ist, den Anleiheteil zu reduzieren und beispielsweise 20 % Aktienquote mittelfristig anzustreben, dann kann es eben eine gute Taktik sein, ein Drittel dieser Gewichtung sofort darzustellen und für ein weiteres Drittel eine tieferes Einstiegsniveau festzulegen, falls der Markt nach den guten Entwicklung der vergangenen Monate zwischenzeitlich konsolidiert. Für das Investment des letzten Drittels macht es eventuell Sinn, die Sommermonate abzuwarten, um weitere Klarheit über die Verfassung der Weltkonjunktur und das Verhalten der Notenbanken zu bekommen.

    Höchststand ist nicht gleich teuer

    Hoch ist relativ. Auch nahezu alle Immobilienpreise stehen auf Höchstständen. Schließen Sie deswegen weitere Preisanstiege in den kommenden Jahren aus? Bleiben wir beim Beispiel DAX-Index. Wenn dieser 2013 wieder dort steht, wo er im Jahr 2000 stand, so kann man das auch als Zeichen einer attraktiven Bewertung interpretieren. Die Umsätze und die Gewinne der im Index enthaltenen Unternehmen haben sich im vergangenen Jahrzehnt deutlich erhöht, daher sind die Aktien auf Kennzahlenbasis auch deutlich billiger bewertet als im Jahr 2000.
     
    Was ist teuer?

    Ende der 1960er und Anfang der 1970er-Jahre wurde der Begriff „Nifty-Fifty“ geprägt. Mit den „hübschen 50“ waren die großkapitalisierten US-Unternehmen gemeint, die ein verlässliches langfristiges Gewinnwachstum liefern konnten. Anleger waren verunsichert durch weltpolitische Konflikte und durch die steigenden Schulden des Staates. Es gab eine große Sehnsucht nach Planbarkeit. In diesem Umfeld waren Anleger bereit, für Coca-Cola ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von über 40 und für Johnson&Johnson eines von über 50 zu bezahlen. Parallelen zum aktuellen Umfeld sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Wenn die angesprochenen Unternehmen heute mit einem KGV von knapp 20 notieren, dann sind sie sicher keine Schnäppchen mehr. Aber sind sie wirklich überteuert?

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