Sowohl heute als auch in den kommenden Tagen wird unserer Meinung nach die Flucht in sichere Häfen (Bundesanleihen, US-Staatsanleihen, USD, Gold) dominieren, wohingegen risikoreichere Anlagekategorien, wie Unternehmensanleihen und Aktien (z.B. Euro STOXX 50 aktuell -4,7 %, MOEX -34 %!) unter Abverkaufsdruck stehen. Da wir uns nun in einem vollständigen Kriegsszenario befinden, müssen wir alle unsere Markt- und Wirtschaftsprognosen revidieren. In Europa bewegen wir uns möglicherweise auf ein Stagflationsszenario zu, bei dem das Wirtschaftswachstum zwar immer noch bescheiden ist, die Inflation aber unter Aufwärtsdruck steht. Die CE/SEE-Volkswirtschaften gehören möglicherweise zu den am stärksten gefährdeten europäischen Volkswirtschaften.
Für Russland und die Ukraine gehen wir von folgenden Entwicklungen aus. Wir denken, dass der Westen in diesem Szenario einer völlig ungerechtfertigten Eskalation mit den härtesten Sanktionen reagieren muss. USD/RUB könnte in den kommenden Wochen ein Niveau von 100 bis 150 erreichen, je nach Umfang der Unterstützungsmaßnahmen der Zentralbank (Leitzinsen im Bereich von 15–20 % plus). Die wirtschaftlichen Auswirkungen auf Russland könnten je nach der genauen Ausgestaltung der Sanktionen und der Entwicklung der globalen Rohstoffmärkte noch moderat ausfallen, d.h. der BIP-Rückgang, den wir jetzt für 2021/2022 sehen, könnte bei -2 bis -5 % liegen. Für die Ukraine werden die wirtschaftlichen Aussichten sehr schwierig und leider müssen wir mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung rechnen, der in etwa dem entspricht, was wir während der Zerfallskriege in Jugoslawien gesehen haben, d.h. wir müssen mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von mindestens 10 % und mehr rechnen.
Für die globalen Aktienmärkte ist angesichts des nun eingetretenen Kriegsszenarios von einer Phase mit Abverkaufsdruck und sehr hoher Volatilität auszugehen, in der einerseits die Nachrichten über die Gefechtshandlungen und die zu erwartenden sehr harten Sanktionen bzw. russische Gegensanktionen große Bewegungen auslösen werden. So ist beispielsweise vor dem Hintergrund des russischen Angriffs zunehmend wahrscheinlicher, dass Russland (zumindest selektiv) vom SWIFT-Zahlungssystem ausgeschlossen werden könnte. Große Indexanbieter werden zudem prüfen, inwieweit russische Wertpapiere weiterhin in Benchmarkindizes vertreten sein können. Da das russische Repertoire an Gegensanktionen ebenfalls sehr wirkungsvolle Maßnahmen, wie z.B. die Zurückhaltung von Schlüsselrohstoffen und Gaslieferungen zumindest bis zu Minimumliefermengen oder sogar weniger umfasst, ist die aktuelle Situation auch nicht mit den beiden Irak-Kriegen oder bei der Eskalation in Syrien vergleichbar.
Im Hinblick auf die zahlreichen zu erwartenden schlechten Nachrichten von menschlicher, wirtschaftlicher und sanktionspolitischer Seite erwarten wir bis auf Weiteres das Einpreisen einer erhöhten Risikoprämie an den Aktienmärkten. Dies kann die nächsten sechs, wenn nicht sogar die nächsten 12–18 Monate anhalten.
Generell gilt, wie von uns zuletzt mehrfach kommuniziert, dass die CEE-Aktienmärkte und jene mit starkem CEE-Exposure überdurchschnittlich unter Druck kommen werden. Das gilt auch für den heimischen ATX (z.B. heute aktuell alleine -6,8 %), da zahlreiche Unternehmen in der Region tätig sind und zusätzlich in Zeiten erhöhter Unsicherheit klein kapitalisiertere Märkte aufgrund der geringeren Liquidität über Gebühr abgeben.
Es ist aber auch von einer merklichen Underperformance großer europäischer Benchmark-Indizes, wie dem DAX und dem Euro STOXX 50 gegenüber dem US-Aktienmarkt auszugehen, da Europa viel stärker mit der Krisenregion wirtschaftlich verschränkt ist und die nun zu erwartende Sanktionsspirale ein Stagflationsszenario (merklich weniger Wachstum, Inflation bleibt rohstoffbedingt sehr hoch) deutlich realistischer erscheinen lässt. Zwar könnte die neue weltpolitische Lage auch die Notenbanken wieder vorsichtiger bzgl. der beabsichtigten geldpolitischen Wende werden lassen, dennoch ist in diesem Umfeld speziell in Europa von deutlich negativen Revision der Gewinnschätzungen nach unten auszugehen.
US-Aktien sollten sich in diesem Umfeld deutlich besser halten, da die weniger handelsoffenen USA ein recht geringes Exposure in Richtung der Krisenregion haben und stärker durch die Dynamik der Binnenkonjunktur beeinflusst sind. Daher erwarten wir für die Gewinnwachstumschätzungen für Corporate America weniger Abwärtsdruck.
Sektoral werden in den kommenden Monaten grundsätzlich defensive Qualitäten an den Aktienmärkten gefragt sein und damit z.B. defensive Konsumtitel gut unterstützt bleiben. Eine verhältnismäßig bessere Performance trauen wir auch dem zuletzt schon arg gebeutelten IT-Sektor zu. Die hohen Ölpreise dürften zudem dem Energiesektor in die Karten spielen, auch wenn hier der Markt sehr stark differenzieren wird, inwieweit aufgrund von Sanktionen einzelne Unternehmen durch ihre Explorationstätigkeit in Russland vor Probleme gestellt sind. Zyklische Konsumtitel und europäische Finanztitel werden aus unserer Sicht zu den Underperformern in den nächsten Monaten gehören.
Zu den Profiteuren der Eskalation zählen der Gaspreis und viele Rohstoffe, aber insbesondere auch der Ölpreis, wo die Sorte Brent heute das erste Mal seit 2014 wieder die USD 100-Marke überspringen konnte und aktuell bei knapp unter USD 105 notiert. Die Ängste vor einer Angebotsverknappung in Kombination mit einer erhöhten Risikoprämie werden hier in der nächsten Zeit weiter für Aufwärtsdruck sorgen, wobei auch größere Preissprünge nach oben (auf USD 120 pro Fass oder mehr) auf der Tagesordnung stehen sollten. Etwas Entlastung könnte über einen erfolgreichen Iran-Deal kommen, des Weiteren steht am 2. März das OPEC-Meeting an, wo das Kartell vor dem Hintergrund der Ereignisse eine Anhebung der Förderquoten beschließen dürfte. Die Entwicklung der Rohstoffpreise - auch jener der Agrarrohstoffe - kommt in der aktuellen Krise eine entscheidene Rolle zu.
Auf der Suche nach sicheren Häfen fester notiert ebenfalls der Goldpreis. Das Edelmetall profitiert von der von nun an gerechtfertigten höheren geopolitischen Risikoprämie, zudem bringt die Krise die Erwartung einer weniger harschen geldpolitischen Wende mit sich. Wir sehen Gold auch in den nächsten Monaten von der Unsicherheit profitieren."
