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Lemawork Ketema (Vienna City Marathon)

25.03.2019

Lotto-Sechser mit Anlauf: VCM Team Austria Portrait

Der Vienna City Marathon bringt mit dem VCM Team Austria am 7. April 2019 ein österreichisches Marathonteam an den Start, das es in dieser Qualität und Dichte noch nicht gegeben hat. Wir stellen die Läuferinnen und Läufer in einer Serie vor und portraitieren zum Abschluss Lemawork Ketema, EM-Bronzemedaillengewinner im Team und jener Läufer mit der aktuell schnellsten Bestzeit. Er stammt aus Äthiopien und hat 2015 die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten.

Alle VCM Team Austria Stories

Präsentation VCM Team Austria
Christian Steinhammer
Eva Wutti
Valentin Pfeil
Peter Herzog
Katharina Zipser, Stephan Listabarth, Christian Robin

Lemawork Ketema: Greifst du nach den Sternen?


Sein Vorname Lemawork bedeutet grüne Arbeit. Irgendwie bezeichnend. Denn mit harter Arbeit im Grünen nahm sein Griff nach den Sternen seinen Lauf. Lemawork Ketema, ein Bauernbub aus Huruta im Zentrum Äthiopiens, trabte entspannt an einer Gruppe von Läufern vorbei, die in der Stockerauer Au gerade trainierte. „Locker vier Minuten per Kilometer“, lacht Harald Fritz noch heute. „Und dabei hat er gelächelt.“ Den Mann mit dem fachmännischen Blick kann man ohne Übertreibung als Entdecker des heutigen Spitzenathleten bezeichnen.

Doch der heute 33-jährige gebürtige Äthiopier ist auch ein Stück Politik… nein, nicht Politik, eher Zeitgeschichte. Denn damals, am Tag des lockeren Laufes, wohnte er im Asylheim Greifenstein. Zwischen 2006 und 2018 befand sich das autoritäre Äthiopien in einem verworrenen Krieg mit den Nachbarstaaten Somalia und Eritrea. „Mein Griff nach den Sternen war die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft“, erzählt er – und sein Deutsch wird immer besser. 2015 wurde Ketema per Ministerratsbeschluss Österreicher und schon 2018 dankte er es der Sportnation mit seinem entscheidenden Beitrag zur Team-Bronzemedaille bei der Europameisterschaft in Berlin.

2:13:22 lief er damals – das ist auch seine aktuelle Marathon-Bestzeit. „2:12 ist mein Nahziel“, sagt er heute – durchaus mit Blickrichtung VCM 2019. Er hat keine Angst davor, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Angst passt nicht zu seinem Naturell. 2011 war er noch als Äthiopier beim Vienna City Marathon 2:27:51 gelaufen. Sein erster internationaler Auftritt übrigens. 2013, als sein damaliger österreichischer Manager erneut einen Start im Lande für ihn organisieren konnte, erfolgte die Flucht im Anschluss an den Salzburg-Marathon. Niemand wusste zunächst, wo er sich aufhielt.



Doch es ist nicht allein sein sportliches Talent, das ihm zu einem würdigen Leben in seiner neuen Heimat verhilft: „Lema hat Visionen, verfügt über unbändigen Ehrgeiz, ist risikobereit, zielstrebig und gut organisiert“, berichtet Harald Fritz. Der 52-jährige Trainer vieler ambitionierter Hobbyläufer ist zu einer Vaterfigur für Lemawork Ketema geworden. „Und Walter Klinger, ein Freund und pensionierter Schauspieler, ist sein Wahlopa“, lächelt Fritz über den dritten Mann im Bunde. „Wir haben viel geopfert und erfolgreich ein Budget aufgestellt.“

„Derzeit hat Lema seine beste und professionellste Phase.“ Der Grund dafür liegt für Harald Fritz auf der Hand: „Er hat ganz schnell begriffen, dass dies seine einzige Chance ist. Diese kann ihm einen Lottosechser im übertragenen Sinne ermöglichen. Und dementsprechend hart arbeitet er auch.“ Grundbedürfnisse, Voraussetzungen und Erwartungen seien natürlich ganz andere als bei Sportlern, die in Österreich geboren und aufgewachsen seien. Da gehe es um echte Existenzsorgen! Jene seien ein ganz besonders starker Motor und für viele andere gar nicht vorstellbar. „Jetzt muss ich nicht mehr nachdenken, wie ich meine Miete bezahlen kann“, sagt Ketema.

Lemawork ist eines von sechs Geschwistern aus einer Bauernfamilie in der zentralen Arsi-Zone, die auf rund 2000 Meter Höhe liegt. „Einige von uns laufen zwar, allerdings nicht auf meinem Niveau“, erzählt er. Seine Muttersprache ist Amharisch, das von rund einem Fünftel der 105 Millionen Äthiopier gesprochen wird. Sein Englisch ist passabel, sein Deutsch wird immer besser. „Ich bin eben ehrgeizig“, lacht er.

In seinem vielfältigen Heimatland, das so groß ist wie Deutschland und Frankreich zusammen, gibt es aber nicht nur achtzig verschiedene Sprachen, sondern auch eine in Europa wenig bekannte Laufkultur: Im Nationalsport der Äthiopier existiert eine Art Bundesliga-Struktur mit vielen Divisionen auf unterschiedlichen Niveaus. Diese Meisterschaft ist überaus populär, es geht auch um Prämien. „Ein Taschengeld“, urteilt Harald Fritz. Vielleicht ist ja die NFL die reichste Liga der Welt, vielleicht ist die Champions League die teuerste Liga der Welt… doch diese Elite-Liga der Lang- und Mittelstreckenläufer im Hochland Afrikas ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die schnellste Liga der Welt. Sie ist aber auch der Laufpass in eine internationale Zukunft.

Wohin geht die Reise?


Seine beachtlichen Leistungen hat Lemawork Ketema erst gezeigt, als er bereits in Österreich lebte. Davor stand seine Marathon-Bestzeit noch bei international wenig aufregenden 2:17:16 Stunden. Mittlerweile ist er u.a. Graz-Marathon-Sieger 2014 und er war Zweiter beim Rio-Marathon 2015. Die dortigen Olympischen Spiele 2016 kamen für ihn noch zu früh. 23 Sekunden fehlten ihm aufs ÖOC-Limit von 2:14:00. Eine Stressfraktur und ein Knochenmark-Ödem als deren Folge kostete ihn ein Jahr, aber Tokio 2020 ist ganz ohne Zweifel das zentrale Ziel. Kein Kinderspiel übrigens: Nur 80 statt bisher 160 Läufer werden den Olympia-Marathon laufen dürfen. Doch Lemawork hat schon einen Bonus durch den 8. Einzel-Platz bei der EM. „Damals ist er lange Zeit Schulter an Schulter mit dem Schweizer Tadesse Abraham gelaufen, der schließlich Zweiter wurde.“ Und genau in der Neuauflage jenes Duells am 7. April in Wien schlummere eine versteckte Gefahr: „Lema muss aufpassen, dass er sich von Tadesse nicht verleiten lässt, zu früh Gas zu geben.“ In dieser Ungeduld liegt wohl auch eine der wenigen Schwächen des risikofreudigen Jung-Österreichers. „Er tendiert dazu, das Rennen zu früh in die Hand zu nehmen.“

Die übrige Beschreibung, die Harald Fritz parat hat, klingt nicht nach Schwäche: „Diszipliniert, ordentlich, pünktlich, feinfühlig, fast übertrieben höflich, etwas zu leise und bescheiden.“ In Österreich habe er einen eigenartigen Kultur-Clash erlebt: „Die Österreicher sind ihm rüpelhaft und unfreundlich vorgekommen, weil er eine sanfte Freundlichkeit gewohnt ist, die bei uns vor fünfzig Jahren üblich war, als junge Leute in der Straßenbahn noch für ältere aufgestanden sind. Doch statt an den Unterschieden in der Lebensweise zu zerbrechen, sieht er sie als befruchtend. „Er ist christlich-orthodox, sehr gläubig und die Familie ist das höchste Gut für einen Menschen. Walter und ich sind jetzt eben seine österreichische Familie. Wir sind richtig zusammengeschweißt.“

Warum Marathon?


Lemawork versteht die Frage nicht ganz, denkt kurz nach und gibt die entwaffnend logische Antwort: „Weil ich aus Äthiopien bin!“ Doch das sei Vergangenheit. Seine Loyalität zu jenem Land, das ihm ein neues Leben beschert hat, ist grenzenlos. „Österreich ist jetzt meine Heimat“, sagt er. „Dabei wird es auch bleiben.“ Sein erklärtes Ziel ist es, bei den Olympischen Spielen die österreichische Fahne zu sehen. Und zwar nicht nur bei der Eröffnungsfeier. Größenwahn? „Nein“, sagt er. „Denn wenn ich keine Vision habe, brauche ich gar nicht mitzumachen.“ Eine solche Vision ist auch ein Spitzenplatz beim Vienna City Marathon 2019.

VCM News. Text: Jürgen Preusser

Im Original hier erschienen: Lemawork Ketema




 

Bildnachweis

1. Lemawork Ketema , (© photaq/Martina Draper)   >> Öffnen auf photaq.com

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Lemawork Ketema, (© photaq/Martina Draper)


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    Doch der heute 33-jährige gebürtige Äthiopier ist auch ein Stück Politik… nein, nicht Politik, eher Zeitgeschichte. Denn damals, am Tag des lockeren Laufes, wohnte er im Asylheim Greifenstein. Zwischen 2006 und 2018 befand sich das autoritäre Äthiopien in einem verworrenen Krieg mit den Nachbarstaaten Somalia und Eritrea. „Mein Griff nach den Sternen war die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft“, erzählt er – und sein Deutsch wird immer besser. 2015 wurde Ketema per Ministerratsbeschluss Österreicher und schon 2018 dankte er es der Sportnation mit seinem entscheidenden Beitrag zur Team-Bronzemedaille bei der Europameisterschaft in Berlin.

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    Doch es ist nicht allein sein sportliches Talent, das ihm zu einem würdigen Leben in seiner neuen Heimat verhilft: „Lema hat Visionen, verfügt über unbändigen Ehrgeiz, ist risikobereit, zielstrebig und gut organisiert“, berichtet Harald Fritz. Der 52-jährige Trainer vieler ambitionierter Hobbyläufer ist zu einer Vaterfigur für Lemawork Ketema geworden. „Und Walter Klinger, ein Freund und pensionierter Schauspieler, ist sein Wahlopa“, lächelt Fritz über den dritten Mann im Bunde. „Wir haben viel geopfert und erfolgreich ein Budget aufgestellt.“

    „Derzeit hat Lema seine beste und professionellste Phase.“ Der Grund dafür liegt für Harald Fritz auf der Hand: „Er hat ganz schnell begriffen, dass dies seine einzige Chance ist. Diese kann ihm einen Lottosechser im übertragenen Sinne ermöglichen. Und dementsprechend hart arbeitet er auch.“ Grundbedürfnisse, Voraussetzungen und Erwartungen seien natürlich ganz andere als bei Sportlern, die in Österreich geboren und aufgewachsen seien. Da gehe es um echte Existenzsorgen! Jene seien ein ganz besonders starker Motor und für viele andere gar nicht vorstellbar. „Jetzt muss ich nicht mehr nachdenken, wie ich meine Miete bezahlen kann“, sagt Ketema.

    Lemawork ist eines von sechs Geschwistern aus einer Bauernfamilie in der zentralen Arsi-Zone, die auf rund 2000 Meter Höhe liegt. „Einige von uns laufen zwar, allerdings nicht auf meinem Niveau“, erzählt er. Seine Muttersprache ist Amharisch, das von rund einem Fünftel der 105 Millionen Äthiopier gesprochen wird. Sein Englisch ist passabel, sein Deutsch wird immer besser. „Ich bin eben ehrgeizig“, lacht er.

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    Die übrige Beschreibung, die Harald Fritz parat hat, klingt nicht nach Schwäche: „Diszipliniert, ordentlich, pünktlich, feinfühlig, fast übertrieben höflich, etwas zu leise und bescheiden.“ In Österreich habe er einen eigenartigen Kultur-Clash erlebt: „Die Österreicher sind ihm rüpelhaft und unfreundlich vorgekommen, weil er eine sanfte Freundlichkeit gewohnt ist, die bei uns vor fünfzig Jahren üblich war, als junge Leute in der Straßenbahn noch für ältere aufgestanden sind. Doch statt an den Unterschieden in der Lebensweise zu zerbrechen, sieht er sie als befruchtend. „Er ist christlich-orthodox, sehr gläubig und die Familie ist das höchste Gut für einen Menschen. Walter und ich sind jetzt eben seine österreichische Familie. Wir sind richtig zusammengeschweißt.“

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