12.03.2026, 3580 Zeichen
Die Verbraucherzentrale NRW warnt eindringlich vor einem gefährlichen Trend im Online-Handel. Immer häufiger werden Laborchemikalien wie die Lugolsche Lösung als gesundheitsfördernde Nahrungsergänzungsmittel angeboten. Ein einziger Tropfen kann das Vierzigfache der empfohlenen Tagesdosis an Jod enthalten.
Laborchemikalie wird als Jod-Kur beworben
Bei einem Marktcheck stießen die Verbraucherschützer auf 14 Online-Angebote, die die Lugolsche Lösung gezielt zur Behandlung von Jodmangel anpreisen. Dabei handelt es sich historisch um ein Desinfektionsmittel, das heute primär als Reagenz in Laboren dient. Die Produkte tragen jedoch trügerische Aufschriften wie „vegan“ oder „glutenfrei“, die eine Eignung zum Verzehr suggerieren.
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„Die Einnahme ist akut gesundheitsgefährdend“, warnt Angela Clausen, Expertin der Verbraucherzentrale NRW. Ein Tropfen der fünfprozentigen Lösung enthält etwa 6,3 Milligramm Jod. Die empfohlene Tagesdosis für Erwachsene liegt jedoch bei nur 150 Mikrogramm.
Massive Überdosis kann Schilddrüse schädigen
Eine derart extreme Überdosierung kann zu schweren Funktionsstörungen der Schilddrüse führen. Mögliche Folgen sind Unter- oder Überfunktion sowie die Bildung eines Kropfes. Für einen ärztlich diagnostizierten Mangel stehen angemessen dosierte Arzneimittel zur Verfügung. Die Selbstmedikation mit Laborchemikalien ist dagegen lebensgefährlich und entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage.
Warum greifen Verbraucher trotzdem zu solchen Produkten? Eine aktuelle Umfrage zeigt gravierende Wissenslücken: Fast die Hälfte der Käufer glaubt fälschlicherweise, Nahrungsergänzungsmittel würden vor dem Verkauf auf Unbedenklichkeit geprüft.
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Ein Milliardenmarkt ohne Vorabkontrolle
Der globale Markt für vegane Nahrungsergänzungsmittel soll in diesem Jahr ein Volumen von über 12 Milliarden US-Dollar erreichen. Gleichzeitig herrscht eine gefährliche regulatorische Grauzone. Rechtlich gelten die Präparate als Lebensmittel, nicht als Medikamente. Sie durchlaufen daher kein behördliches Zulassungsverfahren.
Die Hersteller tragen die alleinige Verantwortung für die Sicherheit. Die Überwachungsbehörden können nur risikoorientierte Stichproben durchführen. Dieses System stößt im grenzüberschreitenden Online-Handel an seine Grenzen. Regelmäßig warnen Behörden vor verunreinigten oder illegal angereicherten Produkten.
Neue EU-Regeln sollen Verbraucher schützen
Auf europäischer Ebene zeichnen sich wichtige Veränderungen ab. Noch in diesem Jahr will die EU verbindliche Höchstmengen für Nährstoffe in Nahrungsergänzungsmitteln festlegen. Bisher gelten in Deutschland oft nur unverbindliche Empfehlungen.
Diese neuen Richtlinien könnten den Behörden eine bessere Handhabe geben, um riskante Produkte schneller vom Markt zu nehmen. Der Schutz vor zweckentfremdeten Chemikalien bleibt jedoch eine Herausforderung. Verbraucher müssen Werbeversprechen kritisch hinterfragen und im Zweifel immer ärztlichen Rat einholen.
Börsepeople im Podcast S24/16: Andreas Wölfl
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