11.03.2026, 5316 Zeichen
Schweizer Rüstungsexporte erreichen 2025 fast Rekordniveau, doch ein Exportstopp für die USA wirft existenzielle Fragen auf. Das Land steht vor einem klassischen Dilemma: Wirtschaftliche Interessen kollidieren mit den strengen Vorgaben der Neutralitätspolitik. Die aktuelle Blockade von Lieferungen in die Vereinigten Staaten entfacht die innenpolitische Debatte über die Zukunft der heimischen Rüstungsindustrie neu.
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Fast eine Milliarde Franken für Kriegsmaterial
Die Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) sind beeindruckend: Im Jahr 2025 exportierte die Schweiz Kriegsmaterial im Wert von 948,2 Millionen Franken. Das entspricht einem massiven Anstieg von 43 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und liegt nur knapp unter dem absoluten Rekord von 2022. Damit hat sich der Sektor von den Rückgängen der beiden Vorjahre erholt.
Hauptabnehmer war mit weitem Abstand Deutschland, das für 386,4 Millionen Franken ein kaufte. Auf Platz zwei folgten die Vereinigten Staaten mit 94,2 Millionen Franken, vor Ungarn und Italien. Insgesamt gingen 86 Prozent der Exporte in europäische Länder. Den größten Posten machten Munition und Komponenten (43,2 %) aus, gefolgt von gepanzerten Fahrzeugen (23,6 %).
Diplomatischer Eklat: Exportstopp für die USA
Doch der wirtschaftliche Erfolg wird von einem diplomatischen Paukenschlag überschattet. Als Reaktion auf jüngste militärische Eskalationen im Nahen Osten hat die Schweiz alle neuen Ausfuhrbewilligungen für Kriegsmaterial in die USA eingefroren. Grundlage ist das schweizerische Neutralitätsgesetz, das Lieferungen in Länder verbietet, die in einen internationalen bewaffneten Konflikt verwickelt sind.
Seit dem 28. Februar 2026 wurden keine neuen Lizenzen mehr erteilt. Alle laufenden Anträge aus den USA liegen auf Eis, während der Bundesrat prüft, ob die Kriterien für ein vollständiges Embargo erfüllt sind. Selbst bereits erteilte Genehmigungen könnten im Extremfall widerrufen werden. Die Folgen für die Industrie sind gravierend, denn sie ist auf US-Aufträge für hochspezialisierte Teile wie Kampfjet-Komponenten angewiesen.
„Lex Rüstungsindustrie“: Das Referendum kommt
Die Blockade trifft die Branche in einer ohnehin sensiblen Phase. Erst im Dezember 2025 hatte das Parlament eine Lockerung des Kriegsmaterialgesetzes beschlossen. Die sogenannte „Lex Rüstungsindustrie“ sollte Exporte in 25 demokratische Partnerländer – darunter die USA und EU-Staten – auch in Krisenzeiten erleichtern. Die Befürworter argumentierten, dass die bisherigen strikten Regeln die Schweiz als unzuverlässigen Partner erscheinen ließen und die heimische Industrie existenziell bedrohten.
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Doch der Widerstand formierte sich sofort. Ein Bündnis aus SP, Grünen und pazifistischen Gruppen wie der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) ergriff das Referendum. Sie werfen der Regierung vor, mit der Lockerung Industrieinteressen über das Neutralitätsgebot zu stellen und die Schweiz zu einer Komplizin in globalen Konflikten zu machen. Die Abstimmung wird zur Richtungsentscheidung.
Zwischen Weltmarkt und Neutralität: Eine Zwickmühle
Die Situation zeigt das fundamentale Spannungsfeld der Schweizer Außenwirtschaft. Die globale Aufrüstung bietet ein riesiges Wachstumspotenzial für die hochspezialisierte Rüstungsindustrie. Gleichzeitig sind die wichtigsten Abnehmerländer allesamt eng in die NATO und deren Lieferketten integriert – ein Widerspruch zur traditionellen Neutralität.
Experten warnen vor langfristigen Konsequenzen. Wenn Großkunden wie die USA und Deutschland die Schweizer Exportpolitik als zu unberechenbar empfinden, könnten sie ihre Lieferketten dauerhaft umstellen. Die Schweizer Hersteller würden ausgeschlossen. Die Politik muss also ständig abwägen: zwischen wirtschaftlicher Vernunft, völkerrechtlichen Prinzipien und dem Druck der öffentlichen Meinung.
Ungewisse Zukunft für die Rüstungsbranche
Wie es weitergeht, hängt von zwei Faktoren ab. Kurzfristig entscheidet der Bundesrat über die Bewertung des Nahost-Konflikts. Hält er die Kämpfe für einen anhaltenden bewaffneten Konflikt, könnte aus dem vorläufigen Stopp ein formelles, längerfristiges Embargo für die USA werden.
Mittelfristig fällt die wegweisende Entscheidung an der Urne. Das Referendum über die „Lex Rüstungsindustrie“ wird die gesellschaftliche Spaltung über die Rolle der Schweiz in der Welt offenlegen. Die Rekordexportzahlen von 2025 werden dabei von beiden Seiten als Argument dienen – als Beleg für wirtschaftlichen Erfolg oder als Warnung vor moralischem Kompromiss. Bis dahin navigiert die Schweizer Rüstungsindustrie in höchst unsicherem Fahrwasser.
Börsepeople im Podcast S24/03: Ruth Jedliczka
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