06.01.2023, 4576 Zeichen
Aus dem wöchentlichen Marktausblick von Raiffeisen Research: "Nach dem Börsenjahr 2022, das vor allem durch den Doppelschlag aus Geld- und Geopolitik gekennzeichnet war und mit akzentuierten Verlusten in nahezu allen Regionen endete, fiel der Jahresauftakt an den Aktienmärkten soweit mehrheitlich positiv aus.
Zwar mühten sich US-Aktien etwas ab, die europäischen Leitindizes und ebenso der chinesische HSCE legten hingegen einen guten Start hin. Mit zur Stimmungsaufhellung in Europa beitrugen die deutlich geringer als erwartet ausgefallenen Inflationsdaten in etwa Österreich, Deutschland (hier z.B. Gesamtrate 9,6 % p.a. vs. Analystenkonsens von 10,2 %) und Frankreich. In China wiederum erwies sich zuletzt die breite Öffnung nach den harschen Covid-Restriktionen als Kurstreiber, weil der Markt dadurch auf eine Verbesserung der Konjunkturdynamik setzt. Im Fokus stand zuletzt auch der wichtige ISM Index für das verarbeitende Gewerbe. Dieser kam mit 48,4 Punkten etwas unter den Erwartungen raus und befindet sich auf Gesamtindexbasis weiterhin in einer Zone, wo rezessive Tendenzen in den USA indiziert werden. Spannend war, dass sowohl die Komponenten der Inputkosten als auch die Neuaufträge gesunken sind, wohingegen die Arbeitskomponente recht stark blieb.
Auch im heurigen Jahr werden unserer Meinung nach die großen Makrothemen mit ausschlaggebend für die Performance an den Aktienmärkten sein. Hier wird entscheidend, in welchem Ausmaß die Inflation in den kommenden Monaten weiter zurückgeht, wann die Notenbanken ihre Zinsanhebungszyklen pausieren und wie nachhaltig die Bremsspuren in der Wirtschaft aufgrund der bislang schon gesehenen geldpolitischen Straffungen ausfallen werden. Im Wesentlichen gehen wir davon aus, dass diese komplexen Problemfelder über das Börsenjahr hinaus an Schärfe verlieren oder sich sogar auflösen.
So haben die Inflationsraten in den USA schon im Juni des Vorjahres (!) ihren Höhepunkt erreicht und vor dem Hintergrund der Rückgänge bei den Rohstoffpreisen und der Entspannung der Lieferkettenthematik ist hier in der Tendenz heuer ein weiterer substanzieller Rückgang der Preisdynamik zu erwarten. Etwas zäher dürfte dies in Europa vonstattengehen, aber auch hier ist eine weitere Entspannung zu erwarten, auch wenn die Kerninflation hoch bleibt. Dadurch sollten dann auch die Notenbanken in den nächsten Monaten sukzessive einen Schwenk in Richtung einer Pausierung des Straffungskurses vollziehen. Hier ist die US-Fed der EZB sicher um einige Schritte voraus und folglich sehen wir in den USA „nur“ mehr zwei weitere Zinsschritte im Q1. Die Eurozone-Währungshüter sollten nach der "hawkishen" Sitzung im Dezember hingegen laut Meinung unserer Ökonomen den Leitzins noch um 2 x 50 BP im Q1 und 2 x 25 BP auf dann 3,5 % im Einlagesatz anheben. In Summe sehen wir aus der Thematik kurzfristig noch Unsicherheit für die Aktienmärkte, welche sich aber mit der steigenden Gewissheit eines Endes der Zinsanhebungen schon in Richtung Q2 auflösen sollte. Wirtschaftlich ist eine Eurozone-Rezession und eine Abschwächung der US-Konjunktur schon klar in den Aktienkursen reflektiert, wie auch unser Chart der Woche zeigt. Da es zudem schon zarte Stabilisierungstendenzen bei europäischen Vorlaufindikatoren gibt und wir des Weiteren keine scharfe US-Rezession erwarten, so dürfte sich dieser Einflussfaktor dank der von uns erwarteten wirtschaftlichen Erholung im zweiten Halbjahr dann im Jahresverlauf sogar als unterstützend für Aktien etablieren.
Im Hinblick auf die Unternehmensgewinne ist kurzfristig sicher noch Anpassungsbedarf in den Analystenschätzungen nach unten gegeben. Insofern wird insbesondere die schon nächste Woche anlaufende Q4 Berichtssaison von großem Interesse sein, zumal viele Unternehmen hier dann ebenfalls einen Ausblick für das Gesamtjahr abgeben werden. Den Auftakt in den USA machen hier die Finanztitel, wo nächsten Freitag dann mit der Bank of America, JPMorgan Chase und Wells Fargo drei Branchenriesen ihr Zahlenwerk vorlegen werden. In Summe könnte der kurzfristige Anpassungsbedarf bei den Gewinnschätzungen, durchwachsene Datenpunkte beim Wirtschaftsthema und die in den nächsten Monaten anstehenden Zinsschritte noch etwas belasten. Für den weiteren Jahresverlauf und für das Gesamtjahr sind wir aber aufgrund der sich deutlich aufhellenden Einflussfaktoren optimistisch gestimmt für die Aktienmärkte. Überproportionale Anstiege erwarten wir hier heuer insbesondere auch von Sektoren (z.B. IT, Kommunikationsdienstleistungen und zyklischer Konsum), welche im letzten Jahr deutlich hinterherhinkten."
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