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Chinesen kaufen weniger europäische Firmen

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16.07.2018, 5870 Zeichen

Die Zahl chinesischer Zukäufe in Europa ist weiter rückläufig: So gab es in der ersten Hälfte dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 12 Prozent weniger Übernahmen und Unternehmensbeteiligungen in Europa, die Zahl sank von 126 auf 111. Das Investitionsvolumen hat sich sogar mehr als halbiert: von 31,6 auf 14,9 Milliarden US-Dollar. Das sind Ergebnisse einer Studie der Prüfungs- und Beratungsorganisation EY, die M&A-Investitionen chinesischer Unternehmen in Europa untersucht.

Seit dem ersten Halbjahr 2016, als europaweit 176 Transaktionen durchgeführt wurden, sinkt die Zahl chinesischer Übernahmen und Beteiligungen in Europa kontinuierlich. Eva-Maria Berchtold, Leiterin Transaction Advisory Services bei EY Österreich, führt diesen Abwärtstrend auf mehrere Faktoren zurück: „Der Gegenwind hat eindeutig zugenommen. Es gibt teilweise politische Bedenken und die Sorge vor einem Ausverkauf von Know-how. Zum Teil haben andere Interessenten die chinesischen Investoren überboten, bei anderen geplanten Transaktionen kam die Finanzierung nicht zustande, da die regulatorischen Anforderungen in China verschärft wurden.“ Keineswegs nachgelassen habe das Interesse der Investoren aus dem Reich der Mitte, so Berchtold: „Wenn in Europa ein attraktives Unternehmen als Übernahmeziel gilt, ist eigentlich immer auch ein chinesisches Unternehmen unter den Interessenten.“

Allerdings verschieben sich derzeit die Investitionsschwerpunkte, ergänzt Yi Sun, Leiterin der China Business Services Deutschland, Österreich und Schweiz bei EY: „Investitionen in klassische Industrieunternehmen verlieren für die Chinesen an Attraktivität, obwohl in diesem Bereich nach wie vor die meisten Transaktionen stattfinden. Wir sehen aber ein deutlich steigendes Interesse an Zukäufen in den Bereichen Infrastruktur, Energie, High-Tech und Pharma – auch wenn einige der geplanten Transaktionen nicht zustande kommen. Gerade bei High-Tech-Firmen und Energieversorgern sind die politischen Widerstände zum Teil groß. Hier bedarf es eines langen Atems und intensiver Verhandlungen.“

Nach wie vor die meisten Transaktionen führten chinesische Investoren in Deutschland und Großbritannien durch, in beiden Ländern sank die Zahl der Zukäufe aber von 26 auf 22. Da es sich in Großbritannien aber überwiegend um kleinere Deals handelte, schrumpfte das Investitionsvolumen von 16,2 auf 0,6 Milliarden US-Dollar. In Deutschland wurde hingegen ein Anstieg von 6,7 auf 9,9 Milliarden US-Dollar registriert – vor allem aufgrund des Einstiegs des chinesischen Autobauers Geely bei Daimler mit einem Volumen von geschätzt 8,9 Milliarden US-Dollar. In Frankreich stieg die Zahl der Übernahmen von 10 auf 13, während sie in Italien von 12 auf 11 sank.

Auch in Österreich gab es im ersten Halbjahr einen leichten Rückgang: Chinesische Investoren tätigten hierzulande im ersten Halbjahr 2018 zwei Transaktionen – um eine weniger als im Vorjahr: Größter Deal war der Einstieg von Fosun als Mehrheitsgesellschafter beim Vorarlberger Wäschekonzerns Wolford um insgesamt rund 75 Millionen Euro. Das Wiener Biotech-Unternehmen Miracor Medical Systems erhielt im Tausch gegen Anteile in einer von Ming Capital angeführten Investmentrunde rund 25 Millionen Euro.

„Österreich befindet sich nach wie vor nur am Rande des Radars chinesischer Investoren, Transaktionen sind weiterhin Einzelfälle und kein Trend. Die M&A-Aktivitäten in den letzten Jahren verdeutlichen aber, dass sie auch in Österreich gezielt nach einzelnen Top-Betrieben mit hoher Spezialisierung, starken Marken und führenden Technologien Ausschau halten“, so Berchtold.

Der europaweit mit Abstand größte Deal war der Einstieg von Geely bei Daimler. An zweiter Stelle folgt die Übernahme des französischen Computerspielproduzenten Ubisoft durch eine Investorengruppe, zu der auch der Internetgigant Tencent gehört, für eine Milliarde US-Dollar.

Im ersten Halbjahr sank die Zahl der gekauften europäischen Industrieunternehmen massiv von 43 auf 23. Auch im Finanzsektor war die Transaktionsaktivität rückläufig: von 17 auf acht Deals. Gestiegen ist hingegen die Zahl der Transaktionen in den Bereichen Energie (von sechs auf neun Transaktionen) und Rohstoffe (von sieben auf zehn). Vor allem aber gewann der Konsumgütersektor stark an Bedeutung: Hier stieg die Zahl der Deals von fünf auf 19.

Einige große Transaktionen scheiterten oder befinden sich immer noch in der Schwebe. Im Mai hat beispielsweise Three Gorges knapp 11 Milliarden US-Dollar für den portugiesischen Energieversorger EDP geboten – die Summe wurde vom Unternehmen aber als zu niedrig zurückgewiesen. In Deutschland plante der chinesische Staatskonzern State Grid einen Einstieg beim Netzbetreiber 50 Hertz – die Transaktion kam aber letztlich nicht zustande, obwohl das Bundeskartellamt sie bereits genehmigt hatte.

Zudem haben sich die Finanzierungsbedingungen für die chinesischen Investoren erschwert, beobachtet Yi Sun: „Die Verkäufer sind vorsichtiger geworden – sie fordern heute oft schon bei der Vertragsunterzeichnung hohe Garantien von den chinesischen Käufern. Und auch Bankbürgschaften sind für chinesische Investoren deutlich schwieriger zu erhalten. Dadurch verzögern sich viele Abschlüsse – das Geschäft ist schwieriger geworden.“

Seit Ende 2016 gelten in China zudem strengere Auflagen für die Übernahme ausländischer Unternehmen. So sind beispielsweise die Investitionen in Fußballvereine oder Hotels nicht mehr erwünscht. Die chinesischen Aufsichtsbehörden haben zudem strengere Kontrollen für Übernahmen im Ausland eingeführt und Auflagen verabschiedet, um den Kapitalfluss ins Ausland zu kontrollieren.

Auffällig ist, dass die Zahl sehr großer Transaktionen rückläufig ist: Nachdem im ersten Halbjahr 2017 europaweit noch elf Deals mit einem Volumen von mehr als 500 Millionen Euro über die Bühne gegangen waren, sank die Zahl im laufenden Jahr auf fünf.



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Eva-Maria Berchtold, Partnerin und Leiterin des Bereichs Transaction Advisory Services bei EY Österreich: Für 23 Prozent der Unternehmen weltweit ist das wichtigste Motiv für Akquisitionen der Hinzuerwerb von Innovationen – also der Kauf von Technologien, Produktionskapazitäten oder innovativen Start-ups. Nur die Vergrößerung von Marktanteilen hat mit 27 Prozent noch einen leicht höheren Stellenwe, (© Aussender)


Autor
Christine Petzwinkler
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    Seit dem ersten Halbjahr 2016, als europaweit 176 Transaktionen durchgeführt wurden, sinkt die Zahl chinesischer Übernahmen und Beteiligungen in Europa kontinuierlich. Eva-Maria Berchtold, Leiterin Transaction Advisory Services bei EY Österreich, führt diesen Abwärtstrend auf mehrere Faktoren zurück: „Der Gegenwind hat eindeutig zugenommen. Es gibt teilweise politische Bedenken und die Sorge vor einem Ausverkauf von Know-how. Zum Teil haben andere Interessenten die chinesischen Investoren überboten, bei anderen geplanten Transaktionen kam die Finanzierung nicht zustande, da die regulatorischen Anforderungen in China verschärft wurden.“ Keineswegs nachgelassen habe das Interesse der Investoren aus dem Reich der Mitte, so Berchtold: „Wenn in Europa ein attraktives Unternehmen als Übernahmeziel gilt, ist eigentlich immer auch ein chinesisches Unternehmen unter den Interessenten.“

    Allerdings verschieben sich derzeit die Investitionsschwerpunkte, ergänzt Yi Sun, Leiterin der China Business Services Deutschland, Österreich und Schweiz bei EY: „Investitionen in klassische Industrieunternehmen verlieren für die Chinesen an Attraktivität, obwohl in diesem Bereich nach wie vor die meisten Transaktionen stattfinden. Wir sehen aber ein deutlich steigendes Interesse an Zukäufen in den Bereichen Infrastruktur, Energie, High-Tech und Pharma – auch wenn einige der geplanten Transaktionen nicht zustande kommen. Gerade bei High-Tech-Firmen und Energieversorgern sind die politischen Widerstände zum Teil groß. Hier bedarf es eines langen Atems und intensiver Verhandlungen.“

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