20.02.2018, 7254 Zeichen
Um die deutsche Aktienkultur ist es weiterhin nicht gut bestellt. Laut aktuellen Zahlen des Deutschen Aktieninstituts wurde 2017 endlich der Stand von vor der Finanzkrise erreicht. Es gibt jedoch ein großes „aber“ und eine bedauerliche Entwicklung zu melden.
Die Zahlen. Die neueste Statistik des DAI gibt Klarheit: Die Anzahl der Aktionäre und Besitzer von Aktienfonds ist im Jahr 2017 deutlich gestiegen. Im Jahresdurchschnitt lag sie um fast 1,1 Mio. höher als noch im Vorjahr. Dies entspricht einer Steigerung von 12,1 Prozent. Insgesamt besaßen 2017 rund 10 Mio. Bürger oder 15,7 Prozent der Bevölkerung Aktien oder Aktienfonds, das heißt rund jeder sechste. Damit hat die Anzahl der Aktienanleger wieder denselben Stand wie vor der Finanzkrise erreicht.
Kein Vertrauen in die Aktie. Schaut man sich Zahl der Aktionäre an, wird noch deutlich, wie viel verlorene Jahre bei der Aktienkultur existieren. Das mit Abstand „beste“ Jahr ist inzwischen 18 Jahre her. Im Jahr 2000 waren 6,2 Millionen Deutsche Aktionäre oder besaßen Aktien und Fondsanteile.
Im Jahr 2017 waren es nur 4,9 Millionen. Und das alles nach Rentenreform, Finanz- und Eurokrise. Erschreckend! Nun muss man konstatieren, dass im Jahr 2000 noch der Börsengang und die nachfolgenden Emissionen der Deutschen Telekom (WKN: 555750 / ISIN: DE0005557508) nachwirkten. Doch inzwischen sollten die schlechten Erfahrungen von damals mehr als verjährt sein. Zumal sich die Rahmenbedingungen noch einmal drastisch zu Gunsten der Aktie verändert haben.
In der Nische: Belegschaftsaktien. In den kommenden Wochen beginnt die neue Dividendensaison. Dann werden wird Milliarden unter die Anleger gebracht. Von den Deutschen wird dies nur wenige betreffen. Das gilt vor allem auch für die Mitarbeiter der DAX-Konzerne. Die Zahlen zu den Belegschaftsaktionären sind noch erschreckender, als die Gesamtstatistik.
Lediglich 1,2 Millionen Belegschaftsaktionäre gibt es im Land. Das liegt zum einen an den mangelnden Programmen und dann natürlich auch am geringen Interesse der Mitarbeiter. Das Erfolgsmodell der österreichischen voestalpine (WKN: 897200 / ISIN: AT0000937503) würde hier nicht funktionieren. Im Rahmen des Mitarbeiterbeteiligungsprogramms, das seines gleichen sucht, sind die Mitarbeiter inzwischen mit 14,5 Prozent der Stimmrechte zum zweitgrößten Aktionär des Konzerns geworden.
Der Ausweg. Das DAI hat drei Kernpunkte identifiziert, die die Aktienkultur voran bringen und das Investorenklima im Land verbessern sollen.
Punkt 1. Am wichtigsten ist mit Sicherheit das System der Altersvorsorge. Dieses ist in Deutschland nach wie vor zu einseitig auf die umlagefinanzierte staatliche Rente ausgerichtet. Allen politischen Beteuerungen zum Trotz wird dieses System in absehbarer Zeit an die Grenzen seiner Leistungs- und Finanzierbarkeit kommen. Grund ist der demographische Wandel, durch den immer mehr Rentenempfänger immer weniger Beitragszahlern gegenüberstehen.
Um den Lebensstandard im Alter zu sichern, sind die Menschen daher auf eine ergänzende private und betriebliche Altersvorsorge angewiesen. Hierbei muss die Aktie wegen ihrer überlegenen Rendite-Risiko-Eigenschaften einen weit prominenteren Platz einnehmen als bisher. Die Politik muss hierfür die richtigen Anreize setzen. Der nun vorliegende Koalitionsvertrag enttäuscht diesbezüglich auf ganzer Linie. Geld für die Altersvorsorge muss endlich in Instrumente fließen, die ausreichend Rendite erwirtschaften. Andere hochentwickelte Nationen wie die USA, die Niederlande und Schweden machen uns vor, wie die Aktie zum Einsatz kommen kann – und zwar in der langen Frist des Aufbaus von Altersvorsorgevermögen quasi ohne Verlustrisiko.
Punkt 2. Die steuerliche Diskriminierung der Aktienanlage muss endlich beseitigt werden. Gewinne aus Aktien werden heute uneingeschränkt auf Unternehmens- und Anlegerebene besteuert. Insgesamt ergibt sich hieraus für den Anleger ein Steuersatz von rund 50 Prozent, während für festverzinsliche Wertpapiere nur die Abgeltungsteuer von maximal 25 Prozent anfällt (ohne Kirchensteuer und Solidaritätsbeitrag).
Dieses Missverhältnis muss durch Entlastungen auf Anlegerebene beseitigt werden, etwa indem nur ein Teil der Dividenden und Kursgewinne versteuert wird. Um besonders den langfristigen Vermögensbesitz mit Aktien attraktiver zu gestalten, ist über die Steuerfreiheit für Veräußerungsgewinne nach einer bestimmten Haltefrist nachzudenken.
Punkt 3. Die Regelungen zur Wertpapierberatung gehören auf den Prüfstand. Die Mehrheit der Anleger will Anlageentscheidungen nicht ohne Beratung durch eine Bank treffen. Wir beobachten daher mit Sorge, dass Banken immer mehr Mühe haben, die wachsenden regulatorischen Anforderungen an die Kundenberatung mit vertretbarem Aufwand umzusetzen.
Die Folge ist eine Einschränkung des Beratungsangebots – gerade in Bezug auf Aktieninvestments. Setzt sich dieser Trend – etwa in Folge der Umsetzung der Europäischen Finanzmarktrichtlinie II (MIFID II) – fort, steht zu befürchten, dass Banken als Multiplikatoren für eine verbesserte Aktienkultur ausfallen. Den Schaden hätten vor allem die Anleger mit kleineren und mittleren Sparbeträgen, für die individuelle Beratungsangebote schlicht nicht mehr wirtschaftlich darzustellen sind. Ein erster Schritt der Vereinfachung ist das allgemeine Produktinformationsblatt für Aktien, die an einem organisierten Markt gehandelt werden. Dieses steht den Banken alternativ zum Produktinformationsblatt für Einzelaktien ab Mitte 2018 zur Verfügung und reduziert den Compliance-Aufwand. In diese Richtung sollte weitergedacht werden.
FAZIT. Generell können wir uns den DAI-Forderungen nur anschließen. Der größte Knackpunkt ist für uns die staatliche Ablehnung der Aktie – bzw. nennen wir es Missachtung der Anlageform Aktie. Zumindest, wenn es um die Frage des Vermögensaufbaus und der Altersvorsorge eght. Statt auf den Sachwert Aktie zu setzen, werden immer noch Versicherungen gefördert und an den Verbraucher gebracht. Dabei hätte ein Volk von Aktionären weit mehr für seine Zukunftssicherung getan, als ein Volk von Versicherten je tun kann.
Gefragt sind aber auch die Unternehmen (und Gewerkschaften!), die Mitarbeiterbeteiligungsprogramm noch weitaus attraktiver machen und publik machen müssen. Last but not least ist es aber am Ende jeder Einzelne. Und klar: Wenn einem der Sparkassen-Berater keine Aktien verkaufen kann oder will, dann sollte man das Haus verlassen, zu Hause den Rechner einschalten und bei einem Online-Broker ein Depot eröffnen. Dazu bietet sich auch immer ein Depot-Vergleich an. Aktien kaufen ist am Ende weitaus einfacher als man denkt. Interessante Literaturtipps haben wir hier zusammengestellt. Unsere Übersichtsseite Aktien für Einsteiger kann ebenfalls nützlich sein.
In diesem Sinne,
weiterhin viel Erfolg bei der Geldanlage und beim alltäglichen Lebensgenuß
Ihre marktEINBLICKE-Gründer
Christoph A. Scherbaum & Marc O. Schmidt
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