11.03.2026, 4663 Zeichen
Die Debatte um den hohen Krankenstand in Deutschland erreicht einen neuen Höhepunkt. Nach der Veröffentlichung aktueller Gesundheitsdaten ist klar: Die Zahl der Krankmeldungen bleibt auf historisch hohem Niveau. Mit fast 20 Fehltagen pro Arbeitnehmer im Jahr 2025 wächst der wirtschaftliche Druck – und stellt das deutsche Lohnfortzahlungssystem auf den Prüfstand.
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Gesundheitsdaten 2026: Keine Entspannung in Sicht
Mehrere große gesetzliche Krankenkassen bestätigten Ende Januar 2026 die anhaltend hohen Fehlzeiten. Laut einer Analyse von DAK-Gesundheit und dem IGES Institut lag der Krankenstand bei ihren Versicherten stabil bei 5,4 Prozent. Das bedeutet durchschnittlich 19,5 Krankentage pro Arbeitnehmer in 2025 – kaum weniger als die 19,7 Tage im Vorjahr.
Auch die Techniker Krankenkasse (TK) meldet nur einen minimalen Rückgang auf 18,6 Tage. Experten sehen mehrere Gründe: Nach wie vor führen Atemwegserkrankungen die Statistik an. Doch psychische Erkrankungen haben inzwischen Rücken- und Muskelprobleme als zweithäufigste Ursache abgelöst. Angesichts der anhaltend hohen Zahlen fordern Gesundheitspolitiker einen nationalen Gipfel im Kanzleramt.
Deutschland im europäischen Vergleich: Ein Sonderfall?
Im europäischen Kontext stechen die deutschen Zahlen deutlich hervor. Eine Studie des ZEW betont: Deutschland hat eine der höchsten Raten bezahlter Krankentage weltweit. Grund ist das großzügige Gesetz: Arbeitgeber zahlen sechs Wochen lang 100 Prozent des Lohns weiter.
Vergleiche mit dem europäischen Arbeitskräftesurvey zeigen: Deutschland verliert etwa 6,8 Prozent seiner Wochenarbeitszeit durch Krankheit. Damit liegt die Bundesrepublik im oberen Mittelfeld, nah bei Belgien (6,7 %) und Schweden (6,6 %), aber deutlich unter Norwegen (10,7 %). Bei der absoluten Zahl bezahlter Krankentage führt Deutschland jedoch häufig. Das soziale Netz beeinflusst das Meldeverhalten – anders als in Ländern mit unbezahlten Karenztagen.
Wirtschaftliche Folgen lösen politischen Streit aus
Die finanziellen Konsequenzen sind massiv. Eine Studie des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) schätzt: Der anhaltend hohe Krankenstand der letzten vier Jahre hat der deutschen Wirtschaft bis zu 160 Milliarden Euro an verlorener Wertschöpfung gekostet. Diese Zahlen befeuern eine hitzige politische Debatte.
Bundeskanzler Friedrich Merz stellte die Nachhaltigkeit des Systems infrage und hinterfragte die Notwendigkeit von durchschnittlich fast drei Wochen Krankmeldung pro Jahr. Im Fokus der Kritik steht die telefonische Krankschreibung, eine pandemiebedingte Dauerlösung. Kritiker vermuten hier Missbrauchspotenzial.
Verteidiger des Systems, darunter Ex-Gesundheitsminister Karl Lauterbach, verweisen dagegen auf demografische Gründe: eine alternde Belegschaft mit mehr vulnerablen Gruppen. Gewerkschaften warnen vor Generalverdacht. Daten zeigen zudem, dass telefonische Krankschreibungen nur etwa ein Prozent aller Fälle ausmachen.
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Welche Reformen sind denkbar?
Politiker suchen nach Lösungen, die wirtschaftliche Folgen mildern, ohne das soziale Netz zu beschädigen. Die Kassen warnen trotz Überschüssen 2025 vor wachsenden Finanzrisiken. Ökonomen raten von Strafmaßnahmen wie unbezahlten Karenztagen oder 80 Prozent Lohnfortzahlung ab. Das fördere nur Präsentismus – kranke Mitarbeiter kommen aus finanzieller Angst zur Arbeit und stecken Kollegen an.
Arbeitsmarktexperten plädieren für flexible Modelle nach europäischem Vorbild. Die ZEW-Studie hebt Schwedens Teilzeit-Krankengeld hervor: Bei leichten Beschwerden oder psychischen Problemen können Arbeitnehmer reduzierte Stunden arbeiten, statt komplett auszufallen.
Vorbeugende Maßnahmen rücken in den Fokus: betriebliche Impfprogramme und verbesserter psychologischer Support. In den kommenden Monaten werden die Verhandlungen zwischen Arbeitgebern, Betriebsräten und der Politik intensivieren. Für die größte Volkswirtschaft Europas geht es um einen nachhaltigen Weg zwischen Gesundheitsschutz und Produktivität.
Börsepeople im Podcast S24/04: Stephan Kunsch
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