15.01.2020, 3953 Zeichen
Aktienschmerzen. Man hört oft, man solle nur mit "Spielgeld" an die Börse gehen. Also mit überflüssigem Geld, das man überhaupt nicht braucht. Dann könne es einem wurscht sein, ob man viel verliert - Es war ja nur "Spielgeld". Nun ja, wenn ich so locker mit dem Geld herumwerfe, bin ich ein Spieler. Und, ja, es gab Zeiten, wo ich pro Tag viele Tausend Euro gewonnen oder verloren habe, und es hat mir nicht weh getan. Einmal rauf, einmal runter, so ist halt die Börse. Nur: Wenn man bei einer Insolvenz dabei ist, das tut weh. Wenn man Kapital zu 100% ausbuchen muss und nicht mehr auf eine Erholung zählen kann, dieses Endgültige, das tut weh. Und man fragt nach dem "Warum?". Warum ist mir das passiert? Was habe ich falsch gemacht? War es nur Pech, hätte es jedem anderen genauso passieren können?
Warum habe ich Sanochemia-Aktien überhaupt gekauft? Weil ich regelmäßig auf die HV gehen wollte, weil ich so mehr über das Unternehmen erfahren wollte. Fehler! Man kauft keine Aktie, um sie auf der HV kennen lernen zu dürfen, man kauft eine Aktie nur, wenn man sie vorher schon kennt und überzeugt von ihr ist! Für die HV hätten auch 100 Aktien oder gar 1 Aktie gereicht, warum habe ich so viele gekauft? Sparsamkeit, da ich die Kaufspesen auf eine große Anzahl von Aktien aufteilen konnte, und Eitelkeit, weil ich nicht mit einer kleinen Aktienanzahl zur HV kommen wollte, da die Klein- und Kleinstaktionäre geringgeschätzt werden, ich wollte mit einem spürbaren Stimmgewicht auftreten. Fehler! Egal, was andere sagen, auch ein 1-Stück-Aktionär hat alle Rechte eines Aktionärs, das Rederecht und das Fragerecht, er braucht sich nicht zu genieren, niemand darf ihm diese Rechte streitig machen. Und wenn ein Großaktionär einen kleinen Aktionär ignorieren will, dann darf sich der kleine Aktionär denken: "Ätsch, Du kannst mehr verlieren als ich!"
Warum habe ich die Aktien behalten, obwohl es nie Dividenden gab, obwohl Prognosen nie eingehalten wurden, obwohl wir regelmäßig auf bessere Zeiten vertröstet worden sind, obwohl das Klima auf den HVs immer unangenehmer geworden ist? Weil ich gehofft habe, dass es wirklich einmal zu besseren Zeiten kommt, und der Hype 2018 hat mich ermutigt, auf einen Ausbruch der Aktie zu warten, sie ist ja schon einmal ausgebrochen. Fehler! Ein Unternehmen, das nur vor sich hin wurstelt, von einer HV zur nächsten, hat in einem Depot nichts zu suchen. Auf eine Dividende hätte ich längst nicht mehr hoffen dürfen, und auch nicht darauf, dass positive Prognosen einmal eintreffen. Andere Aktien, die ich mir um das freigewordene Geld kaufen hätte können, hätten sich besser entwickelt.
Warum hab ich nicht einmal verkauft, als die Sache mit den verunreinigten Wirkstoffen aufgeflogen ist? Weil ich zwar nicht glaubte, dass das eine Kleinigkeit ist, weil ich aber ein treuer Mensch bin, der seine Aktien nicht gleich beim ersten großen Gegenwind panisch verkauft. Fehler! Treue hat an der Börse nichts verloren, man schuldet dem Unternehmen nichts, an dem man beteiligt ist, man kann es ruhig alleine pleite gehen lassen, Hauptsache das eigene Geld ist gerettet. Soll doch ein anderer den Schaden haben, ich brauche mein Geld noch, für bessere Investments.
Der kleine Hoffnungsschimmer, der neue Vorstand, hat das Ruder auch nicht herumreißen können. Und das Vertrauen war nicht gerechtfertigt, wir anderen Aktionäre sind bis heute nicht über die wahren Insolvenzursachen aufgeklärt worden. Eine vage Gewinnwarnung gab es zuletzt, keine Rede von sage und schreibe 58 Mio. Euro Verlust, den die Firma eingefahren hat. Geld, das Sanochemia nicht einmal hatte, die Schulden sind höher als die Aktiva, das ist unglaublich, aber: Wäre der Verlust nur die Hälfte, wäre es wohl genauso hoffnungslos für die Sanochemia und für uns Aktionäre. Zumindest jetzt wollen sie Kosten sparen: Die Börsenotiz in Frankfurt und Wien wurde endgültig beendet.
(Der Input von Günter Luntsch für den http://www.boerse-social.com/gabb vom 15.01.)
Börsepeople im Podcast S23/18: Christine Catasta
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Sanochemia, Labor, Biotech, Pharma, Credit: Sanochemia
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