19.12.2019, 4017 Zeichen
Delivery Hero übernimmt Woowa Brothers. Ich gehöre wohl zu denen, die nie verstehen werden, wie man mit einer App reich werden kann. Steinreich. Ein "Einhorn" (Wert über 1 Mrd. Dollar). Und das auch, wenn man schon seit Jahren verlässlich Verluste macht. Ja, das Verlustemachen gehört offenbar dazu, auf Marketing darf man nicht vergessen, sonst kann man nicht wachsen. Durchsetzen werden sich am Ende nur die Größten können, nicht die App, die in einer einzigen Bezirkshauptstadt gut funktioniert. "Delivery Hero" klingt für mich wie ein kleines Startup. Und plötzlich ist es 9,5 Mrd. Euro wert? Nur wenige Jahre nach Gründung, zwei Jahre nach Börsegang? 12.100 Mitarbeiter, davon 6.800 Fahrer? Wieso schreiben die Medien von einem "Technologieunternehmen", wenn es ein Zustelldienst ist? Diese eine App, das ist die wertvolle Technologie, die aus dem Zustelldienst ein Tech-Unternehmen macht?
2014 von einem Investor 400 Mio. bekommen. Den türkischen Marktführer für 589 Mio. Dollar gekauft. Tochter in Australien aufgrund von Arbeitsrechtsstreitigkeiten in die Pleite geschickt. Das Deutschlandgeschäft um 930 Mio. Euro verkauft, weil zu klein. So sind sie gewachsen, Verluste machen sie immer noch, aber sie haben genug Geld, um nun den koreanischen Marktführer Woowa Brothers zu übernehmen, der offenbar nur eine App hat, nicht einmal einen Zustelldienst: 4 Mrd. Dollar, davon etwa die Hälfte in bar, die andere Hälfte in Anteilen. Rund 400 Mio. Euro Verlust kündigt Delivery Hero für dieses Jahr an.
Wer sind diese Woowa Brothers? Ich habe mir auf Youtube die lange Durststrecke angeschaut. In Korea bestellt man gerne per Smartphone, und man lässt sich auch gerne Essen nach Hause bringen. Aber dafür extra bezahlen? Das wollten die Besteller nicht, und das wollten die Restaurants nicht. Also mussten sie ihre Dienste gratis anbieten, um überhaupt ins Geschäft zu kommen. Erst mit wachsender Größe hatten sie die Macht, Gebühren zu verlangen. Eine Riesenfreude hatten sie, als Goldman Sachs und der Staatsfonds von Singapur eingestiegen sind. Die beiden steigen jetzt aus, die Beteiligung dürfte ein sehr gutes Geschäft für sie gewesen sein, auch wenn sie nur wenige Monate gehalten wurde. Auch wenn Korea am anderen Ende der Welt liegt, grundsätzlich hatten sie die gleichen Probleme, die man mit diesem Geschäft auch in Europa hat, und auch die Lösungen sind vergleichbar.
Ich bin nicht in Delivery Hero investiert, und ich habe auch nicht vor, dort zu investieren (jucken tut es mich freilich schon). Warum mich deren Aufstieg trotzdem vom Sessel gerissen hat? Weil ich vor ein paar Tagen noch von Conda ein ähnliches Modell vorgestellt bekommen habe: da haben 5 Leute eine App gemacht, eine GmbH, einen schönen Business-Plan, wo die Restaurants irgendwann auch etwas zahlen sollen für den Service, der sie bei Bestellung und Inkasso entlastet, und in der Beispielrechnung ging man gleich von 35% Rendite per anno aus. Und das in Zeiten von Nullzinsen, ich habe furchtbar lachen müssen. Als ich dann den Delivery-Hero/Woowa-Brothers-Deal gesehen und mich etwas in die Historie der beiden Unternehmen eingelesen habe, ist das Lachen von Ehrfurcht verdrängt worden: Kann auch der nächste, der so etwas anpackt, zum Einhorn werden? Oder kann es nur einen geben? Delivery Hero ist nicht einmal in den USA groß geworden, schafft man es wirklich in Europa auch? Kann ein Neuer den Platzhirsch verdrängen? Wie viele, die mit so etwas ähnlichem jetzt starten, werden es an die Spitze schaffen? Ich werde auch bei den Neuen nicht dabei sein, ich schaue nur zu. Aber ich schaue sehr interessiert zu, ob sie auf den Spuren von Delivery Hero wandeln werden, oder ob es heute schon viel schwieriger ist, nach oben zu kommen, wenn der Markt schon abgesteckt ist. Ist er das? Die ständig wechselnden Essenszusteller in Wien, noch wirkt das ganze wie Goldgräberstimmung. Es wird wohl noch Veränderungen geben. Nur, wer wird am Ende oben sein?
(Der Input von Günter Luntsch für den http://www.boerse-social.com/gabb vom 19.12.)
kapitalmarkt-stimme.at daily voice 57/365: Hört (und seht) mal, welch tolle Jobs die Kapitalmarktunternehmen anzubieten haben
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