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Der neue IVA-Vorsitzende Florian Beckermann will den Anlegerschutz in Österreich weiter massiv verbessern

19.04.2021

Der Interessenverband für Anleger (IVA) setzt sich seit vielen Jahren für eine faire Behandlung von AktionärInnen ein. Der neue Vorsitzende Florian Beckermann will den Anlegerschutz in Österreich weiter massiv verbessern. Und hat noch viele andere Pläne. 

Herr Beckermann, Sie haben nach dem Ableben von Wilhelm Rasinger die wichtige Funktion des „obersten Kleinanleger-Vertreters“ übernommen. Da kann man nur Danke sagen, dass Sie die Arbeit fortführen und sich dem Thema so intensiv annehmen wollen. Was genau treibt Sie an?

Ich habe mich schon in der Uni für den Kapitalmarkt interessiert und begriffen, dass der Schutz des einzelnen Anlegers wichtig für das gesamte System ist und so die Attraktivität des Ganzen steigert. Es war daher in der Finanzkrise ein logischer Schritt, im IVA mitzuarbeiten. Das ist jetzt über elf Jahre her. Es ist ein gewisser Sportsgeist darin, das gebe ich gern zu. Grundsätzlich will ich mehr Professionalität und ein breiteres Verständnis für die Belange der Anleger, denn diese stellen wertvolles Eigenkapital unserer Wirtschaft zur Verfügung, das dürfen wir nicht vergessen. 

Übrigens möchte ich noch anmerken, dass der Verband zuweilen auch „große“ Anleger vertritt.

Wo werden Ihre Schwerpunkte als Klein- und mittlerweile auch Groß-Anlegervertreter liegen?

Ich habe mir drei Punkte vorgenommen: Ohne Rankings generell zu mögen, ist eines meiner längerfristigen Ziele, den heimischen Markt an die Spitze heranzuführen. Im Minderheitsinvestorenschutz liegt Österreich zurück, etwa hinter der Mongolei oder Sri Lanka. Die Wertabschläge aufgrund der Skandale der Vergangenheit sind mir ein Dorn im Auge. Für uns heißt das, den Anlegerschutz weiter massiv verbessern - und dies nicht zuletzt auch bei der Politik und den relevanten Institutionen einzufordern.

Mein zweites Ziel ist eine gewisse Verjüngung. Man sieht aktuell eine deutliche Zunahme von jüngeren Menschen am Kapitalmarkt. Wir haben schon 2019 die Young Shareholders Austria-Initiative ins Leben gerufen, bei der wir jüngere Menschen für das Thema Kapitalanlage motivieren möchten.

Und drittes Thema ist die Digitalisierung. Mit der virtuellen Hauptversammlung und der Shareholder Rights Directive 2 greift die Digitalisierung um sich. Dabei dem Anlegerschutz Gehör zu verschaffen, sehe ich als eine besondere Herausforderung.

Was werden Sie im Sinne Wilhelm Rasingers fortführen?
Wilhelm Rasinger hat ernstzunehmenden Anlegerschutz in Österreich etabliert. Dafür sind ihm viele sehr dankbar. Er hat unendlich viel Zeit, Geld und Energie geopfert. Letztlich war fast alles ausschließlich mit seiner Person verbunden. Ich gehe allerdings einem anderen Hauptberuf nach und werde grundsätzlich vermehrt auf Teamsport setzen.

Zudem hat sich der IVA nie davor gescheut, Missstände aufzuzeigen und Ungerechtigkeiten zu bekämpfen. Das werden wir auch weiterhin mit Nachdruck tun - auch wenn die Problemfelder sich wandeln.

Und wer ist noch im Team „IVA“, das sie angesprochen haben?
Wir sind froh, weiterhin auf ausgewogene Expertise, zum Beispiel durch Michael Knap, zurückgreifen zu können. Er unterstützt den IVA schon viele Jahre. Sein Beitrag ist unbezahlbar.

Wenn wir schon beim Bewährten sind: Gibt es die Schwerpunktfragen weiterhin. Und wird auch der IVA David wieder verliehen?
Die IVA-Schwerpunktfragen sind weiterhin ein wichtiger Teil des IVA-Kalenders und werden von den Unternehmen sehr geschätzt. Sie liefern immer wieder konstruktive Ansätze zur Diskussion, zur positiven Weiterentwicklung innerhalb der Unternehmen und der Kommunikation mit den Aktionären.

Und natürlich freuen wir uns, wenn wir den IVA David in Zukunft wieder verleihen können, allerdings sehen wir darin nicht unbedingt ein Muss. Aber natürlich sollte man Personen und Unternehmen vor den Vorhang holen, die einen wesentlichen Beitrag zur Kapitalmarktkultur leisten. 

Der IVA ist bekannt, sich für faire Abfindungspreise einzusetzen. Wie viele Prozesse sind derzeit noch offen?

In der Tat hat sich der IVA dafür in der Vergangenheit immer wieder stark gemacht. Dies wollen wir natürlich beibehalten. Immerhin laufen noch über 20 solcher Verfahren. Zum großen Teil stammen diese aus einer Zeit, in der es eine Reihe an Börsenrückzügen gab. Leider dauern diese Verfahren oft sehr lange – was viel Ärgernis mit sich bringt. So läuft das Überprüfungsverfahren im Fall der Bank Austria mittlerweile schon mehr als zehn Jahre.

Wir sind mitten in der Hauptversammlungs-Saison. Sind Hauptversammlungen (HV) weiterhin ein wichtiger Punkt auf der IVA-Agenda?

Der Besuch von Hauptversammlungen ist für den IVA klassischer Anlegerschutz. Für mich ist die HV immer noch eines der wichtigsten Elemente der eigenen Anlageentscheidung und Überprüfung. Aktuell wird sie vielfach als virtuelle Hauptversammlung abgehalten. Dort stellt der IVA öfter einen oder mehrere Stimmrechtsvertreter – viele Aktionäre schätzen, dass der IVA dabei die nötige Konstruktivität und Erfahrung mitbringt.

Bei welchen bzw. wievielen HVs wird der IVA vertreten sein?

Wir sind derzeit in der Planung der aktuellen HV-Saison. Das gesamte IVA-Team wird im Einsatz sein. Im letzten Jahr hatten wir eine Abdeckung von über 90 Prozent.

Sie haben die coronabedingten virtuellen Hauptversammlungen angesprochen. Wie sieht ihrer Meinung nach die HV der Zukunft, also nach der Pandemie, aus?
Zu dieser Sache hat der IVA kürzlich eine Umfrage erstellt – mit bemerkenswerten Ergebnissen. Mehr als 70 Prozent der Teilnehmer wünschen sich die Rückkehr zur ausschließlichen Präsenz-HV. Wenn Elemente aus hybrider oder virtueller HV in Zukunft kommen, dann nur unter absoluter Wahrung der Rede­, Auskunfts- und Fragerechte. Letztlich ist die HV eine sehr direkte Veranstaltung und kein E-Mail-Verkehr! Darüber hinaus denke ich an einen weiteren Ausbau der Auskunftspflicht, zum Beispiel beim Wirtschaftsprüfer. Das gibt es bereits in anderen Ländern und macht im Lichte des Wirecard-Skandals Sinn.

Die jüngsten Finanzskandale bei Wirecard oder der heimischen Commerzialbank haben dem Finanzmarkt in Sachen Vertrauen erschüttert. Welches Feedback bekommen Sie von den Anlegern?

Finanzskandale untergraben immer das Vertrauen der Anleger. In diesen Fällen ist besonders die Enttäuschung über die Wirtschaftsprüfer und die staatlichen Aufsichtsmechanismen groß. Die Sachverhalte werden die Gerichte noch lange beschäftigen. In beiden Fällen gibt es aber auch den sich immer wiederholten Irrglauben an den so genannten „Wunderwuzzi“. Die Kapitalmarktgeschichte lehrt uns: Es werden weitere Wuzzis kommen und wir werden weitere Skandale sehen. Man kann nur hoffen, dass unser heimischer Markt dabei nicht im Fokus steht. Ausschließen will ich es nicht.  

Wir haben schon über die virtuellen HVs gesprochen. Aktuell verlagert sich vieles ins Web. Wie erfolgt die Kommunikation mit
den AnlegerInnen in Zeiten von Corona? Wie wichtig ist hierbei Social Media?

Den heutigen Kommunikationsmitteln sind definitiv keine Grenzen gesetzt, insbesondere die Social Media-Kanäle haben einen großen Stellenwert. Der IVA wird hier in Zukunft sicher mehr tun. Man muss jedoch gleichzeitig kon­statieren, dass wir nicht auf allen Bällen tanzen wollen. Unsere Absicht ist eine sinnvolle Fokussierung.

Mit welchen  Institutionen oder anderen Interessenvertretungen ist der IVA im Dialog, um Rahmenbedingungen zu verbessern bzw. Kräfte zu bündeln?

Eine Vielzahl von Initiativen kommt heute von der Europäischen Kommission. Der IVA ist Teil des europäischen Netzwerks der Anlegerschutzorganisationen und wir bringen uns in Brüssel regelmäßig ein. Auch die weltweit agierenden Netzwerke waren bereits mehrfach zu Gast in Wien. In Österreich pflegen wir natürlich den Dialog mit allen relevanten Interessensgruppen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Arbeitskreis für Corporate Governance.

 Sie haben, wie bereits erwähnt, die Young Shareholder-Initiative gegründet. Wie kann  man Ihrer Meinung nach noch mehr junge Leute für den Kapitalmarkt begeistern?

Eine Initiative für junge Leute wird gern mit Financial Literacy gleichgesetzt. Hierfür gibt es eine Reihe an interessanten Kampagnen der Wiener Börse, der Banken oder des Bundesministeriums für Finanzen. Unser Ansatz ist ähnlich, aber anders: Aus der internationalen Zusammenarbeit wissen wir, dass die Community hier einen wichtigen Beitrag zur Kapitalmarkt-Kultur leisten kann. Hieran arbeiten wir mit Events, Bildungsangeboten und der Möglichkeit zu konstruktivem Networking. Generell wünsche ich mir auch inhaltlich vermehrt die Mitarbeit junger Menschen.

Abschließend: Wie wurde ihr Kapitalmarkt-Interesse geweckt?

Stellen wir uns die folgende Frage: Bekommen Sie genug Zinsen auf ihr Sparbuch? Mit Selbstbewusstsein und Weiterbildung traut man sich andere Anlageformen zu. Mal gewinnt man, mal verliert man. So ging es auch mir. Anlegen ist ein ständiger Lernprozess bzw. fast schon ein sportliches Training. Wer dies mit unternehmerischem und strategischem Denken verbinden  kann, findet großen Spaß an der Sache. 


Text: Christine Petzwinkler   Fotos: Michaela Mejta

Aus dem "Börse Social Magazine #51" - 1 Jahr, 12 Augaben, 77 Euro. Ca. 100 Seiten im Monat, ca. 1200 Seiten Print A4


 

Bildnachweis

1. BSM #51

2. BSM #51



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